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Nico Rosberg, Formel 1, Weltmeister

Sein ganzes Leben widmete Nico Rosberg dem Rennsport, dann folgten der Formel-1-Weltmeistertitel und mit ihm der Abschied von einer langen Karriere. Sein Hunger nach Wettbewerb treibt ihn nach wie vor an.

Die Geschichte über zwei erbitterte Gegner ist nicht neu: Da gibt es Hektor und Achilles im Kampf um Troja, Nikola Tesla und Thomas Alva Edison im Streit um den Strom oder die Machtkämpfe zwischen den beiden toskanischen Adelsfamilien Medici und Pazzi – sie alle boten ein­ander die Stirn, gewonnen hat dabei immer nur einer. Auch im Sport gibt es genügend ­Beispiele; so manch einer mag auch die Rivalität der Formel-1-Fahrer Nico Rosberg und Lewis ­Hamilton dazuzählen. Rosberg hatte dabei oftmals das Nachsehen: Weder im Jahr 2014 noch 2015 gewann er den Weltmeistertitel, beide Male musste er mit ansehen, wie sein britischer Rivale Hamilton und nicht er die Siege für Mercedes ­einholte. Doch ein Jahr später – in der Hitze des arabischen Emirats Abu Dhabi – erfüllte sich sein Traum dann doch noch: Fünf Runden vor Schluss betrug der Abstand Rosbergs auf den in diesem Rennen erstplatzierten Hamilton weniger als eine Sekunde – schließlich fuhr Rosberg als ­Zweiter ins Ziel und sicherte sich mit dieser Platzierung den Formel-1-Weltmeistertitel. Damit wurde er nach Michael Schumacher und Sebastian Vettel der dritte Deutsche, der diesen Titel gewinnen konnte. „Ich habe am Ende selbst nicht mehr an einen Sieg geglaubt. Trotzdem habe ich immer weitergemacht. Niederlagen tun weh, aber es war für mich wichtig, zu verstehen, dass sie auch ein Geschenk sind. Und dann habe ich gewonnen.“

Aha-Erlebnis bei Daimler

Daraufhin beendete Rosberg seine ­Karriere und ist nun unter anderem als Investor für Start-ups, die an Zukunftstechnologien arbeiten, ­tätig. Zudem initiierte er im Oktober 2018 zusammen mit den Ingenieuren und Unternehmern ­Marco Voigt und Sven Krüger das Greentech Festival, welches im Mai 2019 in Berlin seine Premiere ­feierte. Das Festival verbindet die ABB-FIA-Formel-E-Meisterschaft (Autorennen mit Elektromotoren, Anm.), eine Ausstellung mit Fokus auf grüne Technologien, eine Awardverleihung sowie eine Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit. Nach eigenen Angaben zählte das Festival über 10.000 Besucher, mehr als 1.000 ­Konferenz- und Awardgäste sowie jeweils mehr als 60 Speaker und Aussteller. Damit hat sich Rosberg ­einen weiteren Lebenstraum verwirklicht: „Ich habe derzeit drei wesentliche Visionen – Nummer eins, ein Festival, habe ich vor Kurzem verwirklicht. Nummer zwei, Bestselling-­Autor der New York Times zu werden, da bin ich gerade auf dem Weg dazu. Nummer drei: eine nachhaltige Wirkung mit einem Produkt erzielen.“ Als Beispiel nennt Rosberg das US-amerikanische Unternehmen This saves lives, welches glutenfreie, gesunde Müsliriegel anbietet und pro verkauftem Produkt ein Paket Erdnusspaste an unterernährte ­Kinder schickt. Diese besteht laut dem Unternehmen aus vielen Vitaminen und Nährstoffen und wurde ­speziell zur Behandlung von Mangeler­nährung entwickelt.

Interview, Nico Rosberg, Formel 1

Nico Rosberg
... wurde 1985 in Wiesbaden geboren und startete bereits 1996 seine Motorsportkarriere. 2016 gewann er die Formel-1-Weltmeisterschaft und beendete daraufhin seine Karriere als Rennfahrer. Seither ist er als Investor und Unternehmer tätig.

Wie aber fand Rosberg zu seiner zweiten, „grünen“ Karriere? Ausschlaggebend war ein Besuch bei Daimler, wie er erzählt: „Nachdem ich der Formel 1 den Rücken gekehrt hatte, war ich viel unterwegs und habe Orte wie das ­Silicon ­Valley besucht. Bei einem Besuch bei ­Daimler hatte ich ein Aha-Erlebnis und fand so zur E-­Mobilität.“ Die Entscheidung, diesen neuen Weg einzuschlagen, war laut Rosberg eine rationale. „Formel 1 war mein Leben, sie ist zu meiner Identität geworden. Ich wollte diese so ­perfekte Erinnerung an den Weltmeistertitel konservieren und habe mir dann neue Herausforderungen gesucht.“

Rosbergs Alleinstellungsmerkmal: Netzwerk und Marke

Als Investor setzt er heute auf ­Unternehmen wie Tier Mobility aus Berlin, das ein Sharing-­System mit Elektrotretrollern anbietet. Im ­April 2019 knackte das Berliner Start-up die Eine-Milli­on-Marke an Fahrten; 192 Tage, nachdem es ­seinen Service zum ersten Mal angeboten hatte. Das Start-up ist ­mittlerweile in mehr als 20 Städten vertreten, unter anderem in Wien, Köln, Paris, Zürich und Helsinki. Laut Unter­nehmensangaben wuchs Tier Mobility ­somit schneller als je ein E-Scooter-Anbieter zuvor. Auch „what3words“ zählt zu Rosbergs Investitionsprojekten: Das Unternehmen ermöglicht es – wie der Name bereits anklingen lässt –, mit nur drei Worten jeden Ort der Welt zu lokalisieren, und revolutioniert damit das bisherige Adresssystem. Der eigene Liegeplatz an einem See, eine Oase in der Wüste oder sogar eine Sitzbank in den Anden können damit genau definiert werden. Denn über die gesamte Erdoberfläche wird ein Raster aus drei mal drei Metern gelegt. Bei der Wortkombination „träume.bitten.netzteil“ befindet man sich so beispielsweise beim Schloss Schönbrunn in Wien, mit „satz.sprich.regen“ beim Burj Khalifa in Dubai. „Bei what3words steckt unglaublich viel Potenzial drin“, erzählt Rosberg. „So viel mehr als in unserem bisherigen ­Adresssystem. Die Herausforderung ist nun, die Menschen und auch die Regierung dazu zu be­wegen, dies anzunehmen.“

Niederlagen sind ein Geschenk. Sie tun weh, aber sie geben dir die Möglichkeit, zu wachsen.

Als Investor sei sein Alleinstellungsmerkmal die Kombination aus Netzwerk und Marke, wie Rosberg selbst sagt. Gerade bei E-Mobilität sei dieser Vorteil am stärksten. Dabei hat es ihm vor allem die Formula E angetan. Die Formula E Holdings mit Sitz in London promotet und veranstaltet die Rennserie ABB-FIA-Formel-E-Meisterschaft. „Mein Fokus liegt auf grünen Technologien, weil sie innovativ sind und einen positiven Beitrag für unser Leben leisten. Formula E ist dabei die Speerspitze der E-Mobilität.“

Damit ist der Rennsport also nicht völlig aus seinem Leben verschwunden. Auch der Wett­bewerb aus früheren Formel-1-Zeiten bleibt ihm erhalten – wenn auch in anderer Form: „Den Wettbewerb lebe ich heute in meiner Tätigkeit als Unternehmer aus. So etwas wie das Greentech Festival aufzustellen ist wie in der Formel 1: Im einen Moment könnte das Projekt scheitern, im anderen Moment hast du das Gefühl, es schießt durch die Decke.“ Die Suche nach Herausforderungen und kompetitive Situationen ­scheinen ihm also nach wie vor im Blut zu liegen. Eine ­Sache hat sich jedoch definitiv geändert: Mit ­Hamilton kämpft er nun nicht mehr um den ersten Platz auf dem Siegertreppchen der Formel 1.

Der Artikel ist in unserer Juli/August-Ausgbe 2019 „Smart Cities“ erschienen.

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