Der Aktienmarkt ist kein reiner Boys Club

Männer mögen Autos und Technologie, Frauen mögen … Telekom und Pharma? Es scheint so, zumindest, wenn es sich um die bevorzugten Aktien beim jeweiligen Geschlecht handelt

Laut dem Robo-Advisor SigFig aus den USA, der 750.000 US-Privatkunden auf ihre Präferenzen beim Investieren untersuchte, ist die Lieblingsaktie der Männer der Elektroautohersteller Tesla, bei den Frauen ist es das hierzulande recht unbekannte US-Telekomunternehmen Frontier Communications.

Neben den Lieblingstiteln zeigte sich auch, dass Frauen in ihrem Portfolio weniger Risiken nehmen und überlegter investieren – gleichzeitig aber auch seltener Geld verlieren als ihre männlichen Pendants. Bei den Einzeltiteln tendieren Männer neben Tesla zu Coca-Cola und Titeln von Tech-Unternehmen (Oracle, Microsoft); Frauen konzentrieren sich stärker auf Pharma- und Nahrungsmittelhersteller (Pfizer, AbbVie bzw. Kraft und Whole Foods). Inwiefern sich das auf unsere österreichischen Leser umlegen lässt, können wir aber leider nicht beurteilen. Nachdem wir Tesla bereits in der Juni-Ausgabe von Forbes Austria analysierten und Frontier Communications nicht nur recht unbekannt ist, sondern auch ein wenig das Image einer grauen Maus hat, knöpfen wir uns den zweiten „Lieblingspick“ der Damenwelt, der im Vergleich auch deutlich spannender ist, vor: JPMorgan Chase (WKN: 850628).

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Bei der an der Bilanzsumme gemessen größten Bank der USA tut sich derzeit – wie überhaupt in der Branche – allerhand. Das Brexit-Votum schickte die Aktie, wie so ziemlich alle Finanztitel, nach unten. Zwischenzeitlich verlor das Papier rund zehn Prozent und el somit auf 57 US-$. Kurz danach erholte sich die Aktie allerdings wieder und notierte zu Redaktionsschluss bei rund 60,5 US-$. Die Reaktion el weniger stark aus als erwartet, denn JPMorgan hat etwa 16.000 Mitarbeiter allein in Großbritannien und setzt in der Region EMEA (Europe, Middle East and Africa) 14 Milliarden US-$ um; ein großer Teil davon entfällt auf Großbritannien. Wie groß die Auswirkungen des EU-Austritts auf die US-Bank letztendlich wirklich sein werden, weiß derzeit wohl noch niemand. Die Kosten der Umsiedlung zahlreicher Mitarbeiter könnten hoch werden, auch die regulatorischen Hindernisse, etwa welches Produkt in welcher Region angeboten wird, werden JPMorgan noch beschäftigen.

Ganz euphorische JPMorgan-Fans sehen im Brexit sogar eine langfristige Chance, denn die europäischen Mitbewerber der US-Bank seien demnach noch stärker mit den Nachwirkungen beschäftigt, wodurch den US-Banken, eben auch JPMorgan Chase, in gewisser Weise das Feld überlassen wird. Solche Prognosen sind aber natürlich mit ganz viel Vorsicht zu genießen. Vorsicht gebietet auch die anstehende Zinssitzung der Federal Reserve (Fed) im September. Denn die angestrebte Zinswende dürfte der Fed Experten zufolge nicht gelungen sein – und der Brexit bietet eine ideale Ausrede, das Niveau beizubehalten. Zinsen sind für Banken aber eine wichtige Einnahmequelle; das niedrige Niveau könnte auch JPMorgan schaden.

Abgesehen von den Brexit-Unsicherheiten und den Zinsspielen der Fed steht das Finanzinstitut aber nicht schlecht da. Die Eigenkapitalquote lag zuletzt bei 11,7 Prozent. Und der im Juni jährlich von der US-Notenbank Federal Reserve durchgeführte Stresstest zeigt, dass JP- Morgan selbst im Krisenfall – das Stressszenario sieht eine Arbeitslosigkeit von zehn Prozent, einen Aktienpreisverfall um 50 Prozent und Negativzinsen vor – noch immer um zwei Prozent über dem regulatorischen Minimum von 6,25 Prozent liegt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der JPMorgan-Aktie – eine Maßzahl für die Attraktivität der Bewertung eines Papiers – ist mit 11,7 (für 2016) im Vergleich zu den größten Mitbewerbern hoch. Sowohl die Bank of America (9,8), als auch Wells Fargo (11,4) und Citigroup (10,1) sind vergleichsweise „günstiger“ bewertet.

Die Reuters-Analysten sehen die Aktie dennoch mit Wohlwollen. Von 30 Experten empfehlen 26 den Titel zum Kauf, vier Analysten sagen „Hold“. Die Risiken des Titels müssen einem dennoch bewusst sein: Der Brexit könnte zu Kosten für JPMorgan führen, das Niedrigzinsumfeld dürfte sich auch in den nächsten beiden Jahren nicht verbessern – was die Margen belastet.

Doch JPMorgan Chase hat als größte Bank der USA einen soliden Ruf, zudem zeigte der Stresstest der Fed, dass die Bank auch im Krisenfall nicht massiv gefährdet ist. Es zeigte sich auch, dass die Reaktion auf den Brexit bisher weniger heftig aus el als erwartet. Und selbst wenn es mit den Kursen vorerst bergab gehen sollte, bietet die solide Dividendenpolitik von JPMorgan (die Dividendenrendite beträgt 2,8 Prozent für 2016) ein schönes Polster.

Wir schließen uns also den Reuters-Analysten an und sehen nach den Kursverlusten der Aktie ein günstiges Einstiegsniveau. Optimistische Investoren können ihr für eine Neuinvestition übrig gebliebenes Budget gleich in JP- Morgan-Aktien investieren. Etwas risikoaversere Anleger können auch in Tranchen investieren und jetzt etwa mit einem Drittel des verfügbaren Budgets beginnen. Damit könnte man mögliche Aufschwünge bereits mitnehmen, bei etwaigen Kursverlusten ergäben sich für die restlichen zwei Drittel aber noch attraktivere Möglichkeiten, die Aktie zu kaufen.

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Chief Editorial Team

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