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Verena Pausder, Fox & Sheep

Als Gründerin eines Tech-Start-ups, Beirätin in Innovationslabs und Beraterin verfolgt Verena Pausder ein großes Ziel: ein Bewusstsein für die großen Trends der Digitalisierung zu schaffen – vor allem auch bei Kindern.

Peter Pan würde sich freuen. In einem kleinen Innenhof in Berlin-Mitte führt der Weg geradezu in ein kleines Kinderparadies: In einem Raum mit 24 eingerahmten bunten Logos von Kinder-Apps an den Wänden befinden sich in einem Regal ein Stapel Brettspiele und diverse Kinderbücher sowie ein paar Meter weiter ein roter Sitzsack mit einem Kissen und Kuscheltieren. Einzig die Ansammlungen an Schreibtischen und Computern inmitten des Raumes scheinen eher wenig mit Kindern zu tun zu haben. An einem der Computer sitzt Verena Pausder, CEO des hier beheimateten App-Entwicklers Fox & Sheep. Nach ­einer kurzen Begrüßung verschwindet sie vor dem ­Interview noch kurz im Innenhof – für eine Instagram-Story, wie sich später herausstellt. „Ich informiere meine Follower gerne über meine Tätigkeiten – so schaffe ich Transparenz und kann ihnen gleichzeitig Themen wie Unternehmertum oder digitale Bildung näherbringen“, erzählt Pausder nur wenige ­Meter von einem roten Spielzeugdinosaurier entfernt sitzend.

Was den Flair eines modernen Nimmerlands hat, ist in Wahrheit das laut eigenen An­gaben ­erfolgreichste Unternehmen Deutschlands im Bereich der App-Entwicklung für Kinder. Waren es 2015 (mit 16 Apps im Angebot) über zwölf Millionen Downloads, zählt das von Verena Pausder gegründete Start-up Fox & Sheep mittlerweile 25 Millionen Downloads der eigenen Apps weltweit (mit einem Portfolio von 30 Apps). Darin mitgezählt sind auch Sticker-Apps, die kostenlos heruntergeladen werden können. Die ­Spiele beginnen bei einem Preis von 3,49 € und ­enden bei 4,49 €; Bundles starten bei 7,99 €. Die erfolg­reichste App ist „Schlaf gut“ mit knapp über fünf Millionen Downloads, bei der Kinder im Alter von einem bis vier Jahren Tiere auf dem Bauernhof zu Bett bringen und das Licht in den ­Ställen ausschalten müssen. Anschließend wird der Bildschirm dunkel, die App lässt sich nicht wieder von vorne starten. „Natürlich wäre es aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, noch zehn weitere Apps anzuzeigen, damit die Kinder weiterspielen, aber da spielt meine Rolle als Mutter hinein. Ich würde das bei meinen Kindern nicht wollen“, sagt Pausder. Um weiteren Auseinandersetzungen zwischen Kind und Eltern vorzubeugen, gibt es in den Apps eine Spielzeitbegrenzung, keine Werbung und auch keine In-App-Käufe.

Verena Pausder, Fox & Sheep 2

Verena Pausder
... studierte an der Universität St. Gallen Finanzen, Rechnungslegung und Controlling, ist Mitgründerin und CEO des Kinder-App-Herstellers Fox & Sheep, Gründerin der Haba Digitalwerkstatt sowie (unter anderem) Mitbegründerin der Initiative Startup Teens und Aufsichtsrätin bei Comdirect.

Fox & Sheep war bereits 18 Monate nach der Gründung durch Pausder und Moritz Hohl 2012 profitabel. „Am Anfang war der Plan aus dem Cashflow zu wachsen und den Kaufpreis der Apps Schlaf gut und Kleiner Fuchs Kinderlieder (Liederbuch-App zum Mitsingen, Anm.) erstmal wieder einzuspielen bevor wir weiteres externes Geld aufnehmen wollten“, sagt Pausder. Sie sieht in der damaligen Unabhängigkeit des Unternehmens einen wichtigen Faktor für den Erfolg. So waren Pausder und Hohl nicht von Investoren abhängig und konnten selbst über ihre nächsten Schritte entscheiden.

Seit Januar 2015 ist auch der Spielwarenhändler Haba mit an Bord. Das ­familiengeführte Unternehmen beschäftigt etwa 2.200 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2018 einen Jahresumsatz von 364,5 Millionen €. Pausder besitzt seither nur mehr 11 % des von ihr gegründeten Unternehmens, Mitgründer Moritz Hohl verließ Fox & Sheep 2015 gänzlich und ist mittlerweile bei Memorando, einem Unternehmen, das Gehirntrainingsübungen anbietet, Geschäftsführer. Der Schritt, die Anteile an Haba zu verkaufen, war ein strategischer, so Pausder. „2015 besaßen wir ein gutes Portfolio an Apps – was ist also der nächste logische Schritt? In den Apps konsumieren die Kinder Inhalte, aber sie lernen nicht, sie auch zu erstellen. Es fehlt ein Ort, an dem sie an das Thema herangeführt werden.“ Mit Haba fand Pausder dann jenen Partner, mit dem sie an mittlerweile acht Standorten in Deutschland (etwa in Berlin, Hamburg und München) die Haba Digitalwerkstatt etablieren konnte: Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren lernen dort in Kursen und Workshops spielerisch Kernkompetenzen im Umgang mit neuen Technologien. Die Schwerpunkte liegen auf Coding, Robotics und Animationsfilmen. Mittlerweile gibt es dazu auch passende Apps, etwa das „Digital Art Studio“, eine Art Photoshop für Kinder.

 

Eine Differenzierung auf dem Markt ist mittlerweile nahezu unmöglich.

Offizielle Angaben zum Umsatz macht Pausder gegenüber Forbes nicht, doch anhand der Zahlen lässt sich zumindest eine ­annähernde Schätzung erstellen: Alleine die App „Schlaf gut“ erwirtschaftet bei fünf Millionen Downloads und einem Preis von 3,49 € rund 17,5 Millionen €. Selbst am unteren Preislevel, also bei 3,49 €, würden alle 30 Apps rund 87 Millionen € umsetzen, die Anwendungen sind teilweise jedoch teurer. Die Entwicklungskosten einer App, die laut Pausder zwischen 100.000 und 150.000 € (und damit gesamt maximal bei 4,5 Millionen €) liegen, lassen also eine schöne Marge erahnen. Pausder selbst sieht die Hochrechnung als zu positiv: Nicht alle Downloads seien bezahlt, da die Apps gelegentlich für wenige Tage kostenlos angeboten werden, um die Reichweite und Sichtbarkeit zu erhöhen. Konrekte Zahlen nennt sie jedoch nicht. Dennoch dürfte der Umsatz trotz einer minder positiven Schätzung ganz ordentlich sein.

Mittlerweile gibt es laut dem App-Analyse-Tool AppTrace insgesamt über 2,7 Millionen Apps in Apples AppStore und über 6,9 Millionen in Googles Play Store („Schlaf gut“ ­befindet sich global gesehen auf Rang 1.553); laut dem „The State of Mobile 2019“-Report der Analyse-­Plattform App Annie wurden 2018 weltweit 194 Milliarden Mobile-Apps heruntergeladen – im Vergleich zu 2016 ein Anstieg um 35 %. Konsumenten gaben dabei 101 Milliarden US-$ für mobile Applikationen aus, ein Anstieg um 75 % im Vergleich zu 2016. Apps scheinen also ­beliebter denn je zu sein – dennoch sei der Markt für Kinder-Apps ziemlich gesättigt, so Pausder. Allein der schwedische App-Entwickler Toca Boca ­bietet über 40 Applikationen an, auch große Unternehmen wie das kanadische Filmproduktionshaus Entertainment One sowie Disney und Nickelodeon setzen mit Apps auf eine Erweiterung ihres Angebots. „Wir haben in Deutschland zwar den größten Marktanteil, sind in Europa unter den Top Ten und weltweit unter den Top 25, aber eine Differenzierung auf dem Markt ist mittlerweile nahezu unmöglich“, so Pausder.  Um weiterhin an der Spitze mitmischen zu können, musste Pausder sich etwas ­einfallen lassen. Sie wurde schließlich mit Audio- und TV-Content fündig. Zusammen mit Spotify brachte Fox & Sheep im Juli dieses Jahres das Spotify-Originalprodukt „Rund um die Welt mit Fuchs und Schaf“ auf den Markt. In den 20- bis 30-minütigen Audiobeiträgen werden Kindern Städte und Gebiete wie Paris oder der Schwarzwald geschichtlich und kulturell auf spielerische Art und Weise nähergebracht. „Wir sind mit diesem Angebot die Ersten“, so Pausder.

 

Unternehmenskennzahlen
(Quelle: Fox & Sheep)

Fox & Sheep ist aber nur eines von Pausders Projekten – wenn auch das größte. Unter ­anderem ist die Deutsche auch Aufsichtsrätin bei Comdirect und Beirätin des Lufthansa Innovation Labs sowie Mitglied im Innovation Council von Dorothee Bär, der deutschen Staatsministerin für Digitales. Für ihr Engagement hat Pausder bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten: 2007 gewann sie den McKinsey-Wettbewerb „CEO of the Future“, 2016 wurde sie zum „Young Global Leader“ des World Economic Forum (WEF) ernannt, 2018 schaffte sie es auf die Forbes-Liste „Europe’s Top 50 Women in Tech“.

Und das, obwohl ihre Karriere nicht vielversprechend begann – ein Blick in Pausders Werdegang zeigt eine Achterbahnfahrt. Bereits zweimal war sie gescheitert: Mit 19 Jahren gründete die Unternehmerin eine Sushikette, mit Anfang 20 gab sie ihr Erspartes in der Höhe von 30.000 € für eine Salatbar aus (externe Investoren investierten in das Konzept weitere 400.000 €). „Ich wollte schon immer gründen. Aber als die Salatbar nach einem Jahr noch immer nicht eröffnet hatte, war mir klar, dass die Idee nicht fliegen würde“, so Pausder. Die Zeit danach war hart, erzählt sie. Sie habe aber dennoch schnell den Hebel umgelegt und sich einen Job gesucht, um wieder Geld für ihre nächste Gründung anzusparen. „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie – für mich stand schon immer fest, dass auch ich Unternehmerin werde.“ Ein Feld, mit dem sich die meisten jungen Erwachsenen zu wenig beschäftigen, meint Pausder weshalb sie mit ihren zahlreichen Tätigkeiten bereits ­Kinder an die Themen der Zukunft und an das Unternehmertum heranführen möchte. Ausreichend ­Erfahrung hat sie ja.

Text: Andrea Gläsemann

Fotos: Tina Gauff

Der Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2019 „Women“ erschienen.

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