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Titelbild: PORR, Chef, Karl-Heinz Strauss, Hauptaktionär

Als Karl-Heinz Strauss Konzernchef und Hauptaktionär der Porr wurde, musste er den traditionsreichen Wiener Baukonzern in ein eigentümergeführtes Unternehmen transformieren. Im Forbes-Interview zieht Strauss Bilanz.

Dass sich seit dem eigenen Bör­sen­gang die Welt verändert hat, mag für viele Unternehmen ­stimmen – doch auf kaum eines trifft das so zu wie auf den Wiener Baukonzern Porr. Als die Aktien der ­Firma zum ersten Mal an der Wiener Börse gehandelt wurden, residierte nicht weit entfernt noch Kaiser Franz Joseph und herrschte über die ­Donau­monar­chie. Es war das Jahr 1869. Die Allgemeine öster­reichische Baugesellschaft, wie das Unternehmen damals hieß, war nur wenige Wochen zuvor gegründet worden. Einer der ersten Aufträge war die Elektrifizierung der Pferdeeisenbahn zwischen der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz und dem südböhmischen Budweis.

Heute, 150 Jahre später, sind Pferdeeisenbahnen längst von der Bildfläche verschwunden. Ganz ­anders die Porr: Sie meldete diesen ­April für das abgelaufene Geschäftsjahr 2018 Rekorde bei Bauleistung sowie Auftragsbestand. „Wir haben 150 Jahre lang bewiesen, dass wir innovativ sind, und sind aktuell sicher eines der am besten aufgestellten Bauunternehmen“, sagt Karl-Heinz Strauss im Interview in der Unternehmenszentrale in Wien. In ­Zahlen bedeutet das: 5,6 Milliarden € Bauleistung, 7,1 Milliarden € Auftragsbestand, 66 Millionen € Netto­gewinn – und rund 20.000 Mitarbeiter. Nach der Strabag, die 2018 eine Bauleistung von 16,3 Milliarden € verzeichnete, ist die Porr der größte Baukonzern Österreichs.

„Papierlose Baustelle“

Doch was ist nötig, um in der Baubranche auch in Zukunft erfolgreich zu sein? „In den letzten Jahren hat sich in der Bauindustrie mehr getan als in den Jahrzehnten davor“, sagt Strauss und schränkt im nächsten Satz ein: „Wir stehen aber nicht vor einem grundlegenden Wechsel des Bauens, es wird lediglich eine andere Art des Bauens sein.“ Disruptive Geschäfts­modelle, die das herkömmliche Bauen etwa durch 3-D-Drucker oder Roboter ersetzen könnten, werde man in den nächsten zehn bis 20 Jahren nicht sehen, ist sich Strauss sicher.

Planung und Umsetzung werden schon jetzt digital via Building Information Modeling (BIM) abgewickelt – ein Ansatz, bei dem alle an einem Bauprojekt Beteiligten, vom Bauherrn über den ­Architekten bis hin zu Haustechnikern und Statikern, digital an einem virtuellen Modell des Gebäudes arbeiten, unabhängig vom ­eigenen Standort. So sind alle relevanten Informationen ständig verfügbar und aktuell. Durch die ­zunehmende Automatisierung wird Bauen laut Strauss künftig der Fließbandfertigung in der Autobranche ähnlicher werden. Statt von der „Digitalisierung“ spricht man bei der Porr aber lieber von der „papierlosen Baustelle“. Gleichzeitig betont Strauss, dass Bauen ein „People’s Business“ ist und bleibt. Denn nicht alles, was man am Computer plant, kann in der Realität auch so umgesetzt werden. „Da brauchen Sie erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wissen, dass man beispielsweise ­einen Eisenträger auf der Baustelle so nicht hineinheben kann, weil das um diese konkrete Kurve noch kein Kran geschafft hat.“

2018 verzeichnete Porr sowohl beim Auftragsbestand (7,1 Milliarden €) als auch bei der Bauleitung (5,6 Milliarden €) neue Rekorde.

Strauss ist bei der Porr in ­einer besonderen Rolle – immerhin ist er nicht nur CEO, sondern auch einer der Haupteigentümer. Im Syndikat mit dem langjährigen Kernaktionär Klaus Ortner hält er eine Mehrheit von 53,7 % am Unternehmen. Die restlichen Aktien befinden sich im Streubesitz. „Die wesentliche Entwicklung, die die Porr vorangebracht hat in den letzten Jahren, war die hin zu einem eigentümer­geführten Unternehmen“, sagt Strauss. Als Eigentümer habe man immer zwei Möglichkeiten: zu ­verkaufen oder langfristig etwas aufzubauen. Strauss und Ortner haben sich für Zweiteres entschieden. Kurzfristiges, an Geschäftsquartalen orientiertes Denken ist für den Porr-CEO daher kein Thema: „Es geht nicht darum, Boni zu optimieren.“

Karriere bei der Raiffeisen Zentralbank und als selbständiger Unternehmer

Strauss war bereits lange ­Jahre Unternehmer, bevor er in die Porr einstieg. Nach seiner Karriere bei der Raiffeisen Zentralbank (2016 wurde die RZB mit der Raiffeisen Bank International fusioniert) gründete er 2000 sein eigenes Immobilienunternehmen Strauss & Partner. Zu dessen bekanntesten Projekten gehört der Businesspark Euro Plaza in Wien, in dem unter anderem die Österreich-Zentrale von Microsoft untergebracht ist. Unternehmerisch gedacht hat Strauss allerdings schon länger: Bereits direkt nach der HTL-Matura hatte sich der ­damals 20-Jährige selbstständig gemacht. Auch, wenn der erste Anlauf nicht von Dauer war und er bald zu Raiffeisen wechselte, zeigt die Episode doch, dass das Unternehmerische schon lange in ihm steckt. „Mir war immer klar: Letztlich muss man ­Unternehmer werden“, sagt Strauss.

Als der Porr-Kernaktionär Klaus Ortner auf ihn zukam, um ihn als Konzernchef in das Bauunternehmen zu holen, sagte der gebürtige Kärntner zunächst aber ab. „Ich hatte große Demut vor der ­Aufgabe und habe hinterfragt, ob ich der Richtige bin, aber Klaus Ortner hat mich überzeugt“, erinnert er sich. Im September 2010 übernahm er den Job. Sein eigenes Unternehmen brachte er bei seinem Einstieg übrigens in die Porr ein.

Bild: Karl-Heinz Strauss, CEO, PORR, Bauunternehmen, Österreich

Karl-Heinz Strauss
... ist seit September 2010 CEO des Bauunternehmens Porr und zudem auch einer der Haupteigentümer.

In Strauss’ Amtszeit ­orientierte sich die Porr auch wieder stärker in Richtung Kapitalmarkt. Denn trotz ihrer langen Börsentradition friste­ten die Porr-Aktien in den Jahren vor Strauss’ Einstieg an der ­Wiener Börse ein Schattendasein: Sie notierten in Nebensegmenten, die Handels­umsätze waren gering. Seit Strauss’ Antritt als CEO wurde eine Investor-Relations-Abteilung aufgebaut, die Stamm- und Vorzugsaktien zusammengelegt, und der Einzug in das wichtige Prime-Market-­Segment der Wiener Börse folgte.

Dem Aktienkurs tat dies gut: Nach einer jahrelangen Seitwärtsbewegung ging es ab Mitte 2013 deutlich nach oben – zwischenzeitlich sogar bis auf ein Anfang 2017 erreichtes Rekordhoch von 42 €. Die nächsten beiden Jahre liefen ­weniger gut, zuletzt konnte sich die ­Aktie jedoch wieder etwas ­erholen. ­Aktuell steht der Kurs bei rund 22 €. Attraktiv ist für Anleger vor allem die hohe Dividendenrendite von über 5 %.

Volle Auftragsbücher

Die aktuelle Geschäftsentwicklung sollte für den Aktienkurs ­keine Belastung sein. Vielmehr befindet sich die Porr dank der guten Wirtschaftslage in einer komfortablen ­Situation: Mittlerweile könne man sich die attraktivsten Aufträge aussuchen, sagt Strauss. „Wir müssen nicht mehr bei jedem Projekt mitbieten. Wir bieten dann mit, wenn es eine hohe Wertschöpfungsdichte gibt oder es sich um besonders komplexe Projekte handelt.“ Dort könne die Porr ihre Stärken ausspielen; ein Beispiel dafür sei etwa das Projekt der Stadtbahnlinie U5 in Frankfurt. In Berlin hat die Porr die kürzlich eröffnete Zentrale das Onlineversandhändlers Zalando gebaut. Grundsätzlich versteht sich die Porr als Full-Service-Betreiber – das Unternehmen will also alles rund um den Bau selbst anbieten. „Angefangen vom Abbruch oder der ­Baugrube über Betonerzeugung und Innen­ausbau bis hin zum Dachdecken ­können wir alles selbst machen“, sagt Strauss. Die Vorteile: Es braucht keine Subunternehmer, die möglicherweise ihr eigenes Ergebnis zulasten der Porr optimieren – und der Kunde wiederum hat nur einen Ansprechpartner, was die Sache vereinfacht.

Die gute Wirtschaftslage hat für die Porr aber auch Schattenseiten: Der Arbeitsmarkt wird dadurch leer gefegt. „Die Ressource Personal ist derzeit eine Wachstumsbremse“, sagt Strauss. In welchen Jobs fehlen Fachkräfte? Es reicht laut Strauss vom Maurer über Asphaltierer und Haustechniker bis hin zum Bauingenieur. „Wir müssen uns bei jedem Projekt fragen: Haben wir die Mannschaft, die richtigen Subunter­nehmer und die Kapazitäten dafür? Man kann nicht mehr wie früher einfach Zeitarbeitspersonal dazu­holen, denn es gibt derzeit einfach keines“, sagt Strauss. Die Porr investiert außerdem kräftig in ihre bestehenden Mitarbeiter: Zuletzt flossen weitere fünf Millionen € in den Ausbildungscampus des Unternehmens in Wien-Simmering.

Wir haben in den letzten 150 Jahren bewiesen, dass wir innovativ sind, und sind aktuell sicher eines der am besten aufgestellten Bauunternehmen.

Langfristig werde die Attraktivität der Bauindustrie deutlich steigen, glaubt Strauss. „2050 sind wir zehn Milliarden Menschen, davon werden zwei Drittel in Städten wohnen. Wir müssen leistbaren Wohnraum schaffen und den Verkehr auf völlig neue Beine stellen – ohne Bauindustrie geht es in der Zukunft nicht.“ Und in der zunehmend virtuellen Welt brauche es nach wie vor das reale Gegenstück, das die Bau­industrie liefere. „Dass man an einem Gebäude vorbeigeht und sagen kann: ‚Das habe ich gemacht, da war ich dabei!‘ – das wird die Bauindustrie ­attraktiver machen“, sagt Strauss.

Intelligentes Wachstum weiter vorantreiben

Und was bringen die nächsten Jahre für die Porr als Unternehmen? Klar ist: Auf Expansionskurs will sich Strauss nicht begeben. „2018 und 2019 waren Konsolidierungs­jahre, nachdem wir zuvor um fast 40 % gewachsen sind.“ Das Motto ­lautet daher: intelligentes Wachstum. „Wir wollen nicht die Größten sein, sondern die Besten“, sagt Strauss. In den Märkten, in denen man gut verdiene, wolle man sich vertiefen. Geografisch konzentriert sich die Porr vor allem auf ihre fünf Heimatmärkte. Neben Österreich sind das Deutschland, die Schweiz, Polen und Tschechien. Dies belegen auch die Zahlen: 2018 entfielen rund 88 % der Produktionsleistung auf diese fünf Märkte. Man konzentriere sich auf Länder, die man kenne und in denen die Porr ebenfalls bekannt sei, sagt Strauss. Bauen sei eben nicht nur ein „People’s Business“, sondern auch ein „Local Business“.

In Großbritannien arbeitet die Porr aktuell daran, eine Gas-Pipeline unter dem Fluss Humber (an der Ostküste Englands) zu verlegen. Große Bedeutung hat der britische Markt aber nicht, dementsprechend bringt der Brexit Strauss nicht aus der Ruhe: „Gar nicht“, antwortet er auf die Frage, inwiefern der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union das Unternehmen treffen könnte. Nachdem der britische Markt im Vorjahr weniger als 1 % der Bauleistung der Porr ausgemacht hat, hat Strauss vermutlich leicht reden. Andererseits ­könnte speziell ein ungeregelter Brexit die Konjunktur in Europa dämpfen und somit auch die ­konjunktursensible ­Baubranche treffen. Vielleicht spricht aus Strauss aber auch die ­Abgeklärtheit eines Mannes, der ein Unternehmen mit 150 Jahren Geschichte führt – wer ein Kaiserreich und zwei Weltkriege überstanden hat, den bringt ein ­Brexit wohl kaum aus der Ruhe.

Der Artikel ist in unserer Mai-Ausgabe 2019 „Europa“ erschienen.

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