STILLER WÄCHTER

Beschützer der Marken: Mit BestSecret baute Marian Gradl-Schikora „Europas exklusivste Shopping-Community“ auf. In Zeiten von Fast Fashion macht der CCO es sich zur Aufgabe, die Wertschätzung für Mode zu bewahren.

Wer ein gut gehütetes Geheimnis wahrt, gibt dieses bekanntlich nicht so einfach preis. Und so muss man sich, um die Köpfe hinter Best­Secret zu treffen, gar nicht erst in der Münchner Innenstadt umsehen. Denn der Onlinemodeversandhändler hat seinen Sitz in Dornach, 20 Autominuten östlich des Stadtkerns. Auch Marian Gradl-Schikora, Mitgründer und Chief Costumer Officer (CCO) des Unternehmens, der die Unternehmenstochter des Familienbetriebs Schustermann & Borenstein mitführt, hat hier sein Büro.

Von den insgesamt 1.600 Mitarbeitern in Europa befindet sich rund ein Viertel hier am Hauptsitz des Unternehmens. Schon bald soll der Standort zu einem wahren Campus transformiert werden, inklusive Kantine und Fitnesscenter. Denn Gradl-Schikora weiß, dass die Konkurrenz keineswegs kleiner wird: „Wir wollen als Arbeitgeber so attraktiv wie möglich für unsere Mitarbeiter sein. Da muss man sich schon was einfallen lassen. Denn heutzutage können sich die Leute entscheiden, wo und für wen sie arbeiten möchten.“ In Poing, einem benachbarten Landkreis, rund eine halbe Autostunde entfernt, befindet sich das Logistik­lager, an dessen Standort weitere 800 Mitarbeiter beschäftigt sind. Dass weder Dornach noch Poing der Nabel der Welt sind und gute Mitarbeiter zu finden und zu halten sich als schwierig erweisen kann, ist Gradl-Schikora bewusst.

Doch was bedeutet es eigentlich, „Europas exklusivste Shopping-­Community“ zu sein, wie das das Unternehmen von sich behauptet? Nun, der Zugang zu BestSecrets Onlineshop und Filialen ist einzig und allein auf Einladung eines bestehenden Mitglieds möglich. Die Mitgliedschaft selbst, bei der man auch ein bronzenes, silbernes oder goldenes Level im sogenannten „VIP-Club“ erreichen kann, ist hingegen völlig kostenlos.

Je mehr Punkte ein Kunde sammelt, desto höher steigt er in seinem „Rang“ auf. Punkte können durch Einkäufe oder das Herunterladen der App erzielt werden. Damit einher gehen exklusive Rechte und Services. Um die Exklusivität aufrechtzuerhalten, wurde eine maximale Mitgliederzahl eingeführt, die Grenze liegt aktuell bei 250.000 Personen. Eine zu starke geografische Ballung will man ebenfalls vermeiden, so Gradl-Schikora. Angefangen mit einem Fokus auf die DACH-Region, verschickt BestSecret mittlerweile in die ganze EU.

Die verfügbare Ware ist ausnahmslos reduziert, ein Nachlass von mindestens 20 und bis zu 80 % auf den ursprünglichen Kaufpreis ist möglich. Die Kunden mit attraktiven Angeboten zu bedienen ist Gradl-Schikora ein Anliegen, die Marken und ihr Fortbestehen zu schützen ein Gebot. „Wir äußern uns nie zu Marken und Preisen. Wir können mit Stolz behaupten, sehr gute Beziehungen zu den Herstellern zu haben. Das ist nur möglich, weil wir immer darauf achten, die Marken zu beschützen. Wäre das nicht der Fall, würden unsere Partner uns auch nicht die exklusiven Angebote liefern – und wir würden nie so viel Zulauf von Herstellern erhalten“, ­erklärt Gradl-Schikora.

Mit „Exklusivität“ meint der Gründer vor allem die Belieferung von aktuell laufenden Kollekti­onen unterschiedlicher Marken. Fünf Millionen Produkte von rund 3.000 Designerlabels werden laut Onlineshop aktuell offeriert. Auch das Interesse von Kundenseite sei enorm: Durchschnittlich 3.000 neue Mitglieds­anfragen werden jeden Monat bearbeitet. Damit einher geht ein strenges Selektionsverfahren: Wer weniger als 150 € im Jahr ausgibt oder über längere Zeit inaktiv ist, wird aus der Community ausgeschlossen.

Mit der Modewelt oder Designerware hatte Gradl-Schikora vor seiner Zeit bei BestSecret eigentlich nichts am Hut. Nach dem ­Studium „Management Studies“ in Deutschland und England entwickelte er Datenbank- und Softwareprogramme. Auch sein Studium hatte sich der Deutsche mit dieser Tätigkeit finanziert, und seit jeher hatte ihn der Bereich Onlinehandel gereizt. Es war 2007 und E-Commerce zwar keine völlige Neuerung, aber noch bei Weitem nicht mit dem Stellenwert besetzt, den Onlinehandel heute hat. Gradl-Schikora: „Man spürte noch eine allgemeine Skepsis gegenüber Onlinekäufen, die Präferenz für das Einkaufen im stationären Handel war stärker als heute.“

Im gleichen Jahr begegnete er Daniel Schustermann und Daniel Borenstein, welche er bereits aus seiner Studienzeit in London kannte. Beide waren damals im gleichnamigen Fami­lienunternehmen aktiv; Gradl-Schikoras Interesse war aufgrund der gut besuchten Münchner Filialen geweckt. 1924 als Großhändler für Stoffe gegründet, entwickelte sich das Unternehmen zu einem global agierenden Exporteur und Händler im stationären Einzelhandel.

Marktschreierisch zu agieren war nie in unserer DNA.

Das auch heute noch gelebte Prinzip einer geschlossenen Einkaufsgemeinschaft verfolgte Schustermann & Borenstein schon damals. „Ich fand das Konzept so spannend, weil mir die Begeisterung und der Ansporn, mit der Menschen Mitglieder werden wollten, so noch nicht untergekommen waren. Die beiden Daniels erzählten mir sogar von Briefzusendungen, in denen Interessenten um eine Mitgliedschaft gebeten haben.“

Die besondere Möglichkeit, Mode mit seiner Begeisterung für ­Onlinehandel zu verknüpfen, ­erkannte Gradl-Schikora sofort –
und lief mit seiner Idee bei Schustermann & Borenstein offene Türen ein. Um den Ruf sowie die Expansions­pläne nicht zu beschädigen, wurde ein eigenes Unternehmen gegründet: BestSecret.

2012 gingen zwei Drittel der Unternehmensanteile an den französischen Investor Ardian, welcher ­damals noch als Axa Private Equity in der Öffentlichkeit firmierte. In Medienberichten wurde der Kaufpreis auf rund 200 Millionen € geschätzt. Vier Jahre später wurden die Anteile wiederum an die britische Private-Equity-Gesellschaft Permira weitergegeben. Laut der Nachrichtenagentur Reuters lag der damalige ­Verkaufspreis bei 700 bis 800 Millionen €.

Neben Gradl-Schikora sind noch Daniel Schustermann und Amir Borenstein in der Geschäftsführung tätig. Ergänzt wird das Team ­aktuell durch Thomas Perlitz, Thomas Helmreich und Frank Stehle. Bei der Nachfrage zu aktuellen Unternehmens- und Umsatzzahlen entgegnet Gradl-Schikora geschickt mit dem Leitsatz des Unternehmens: „Nomen est omen – oder auch: Der Name ist Programm.“ BestSecret macht aus solchen Zahlen also ein gut gehütetes Geheimnis.

Marian Gradl-Schikora
...studierte Management Studies in Deutschland und England, bevor er 2007 BestSecret als Tochterunternehmen von Schus­ter­mann & Borenstein gründete.

Neben den beiden alteingesessenen Filialen in München und einer in Vösendorf im Süden Wiens expandierte das Unternehmen 2019 mit einem vierten Offprice-Department-Store nach Frankfurt. Dass diese dabei nie in den Stadtzentren liegen, ist ein bewusst gesetzter Schritt: „Einerseits ermöglicht uns ein Standort außerhalb der Innenstadt mehr Fläche für das Einkaufserlebnis. Andererseits wollen wir die Leute mit unserem Angebot auch dazu anregen, den Weg auf sich zu nehmen, um unsere Produkte vor Ort zu sehen. So wird Modeeinkauf ein Erlebnis. Das benötigt aber natürlich auch attraktive Angebote von unserer Seite, klar.“

Mit dem Konzept eines geschlossenen Shoppingklubs steht BestSecret jedoch nicht alleine da. Eines der ersten Unternehmen, das damit in den Markt drängte (schon ab 2001), war der französische Onlinehändler Vente-Privee. Auch der Erfolg von Limango basiert auf Mitgliedschaften – und zwar satten vier Millionen. Der Zugang zur Community ist hier jedoch deutlich niedrigschwelliger gestaltet und bereits mit einer E-Mail-Registrierung möglich. Beim Umsatz lag die Tochter der Otto Group mit zuletzt 229 Millionen € hinter BestSecret.

Darüber hinaus betreibt auch der deutsche E-Commerce-Riese Zalando einen privaten Shoppingklub namens Zalando Lounge. Dieser wurde 2010 ins Leben gerufen. Neben den kurzlebigen, wöchentlich wechselnden Angeboten unterschiedlicher Marken unterscheidet sich Best­Secret laut Gradl-Schikora aber auch anderweitig von der Konkurrenz: „Im Vergleich zu Mitstreitern am Markt befindet sich unser Sortiment in unserem eigenen Lager. Das sind bis zu fünf Millionen Teile zur gleichen Zeit. Sprich: Wir können unsere Ware logistisch besser abwickeln, der Kunde muss bei uns niemals wochenlang auf seine Bestellung warten. Wir setzen auf Langlebigkeit in Beziehungen, sei es zu unseren Händlern, denen gegenüber wir sehr beschützend agieren, oder unseren Kunden, denen wir mit erstklassigem Service – online wie offline – begegnen wollen.“

Die für ihn notwendige Qualität von Mode wieder in den Vordergrund zu rücken hat sich der CCO als weitere Mission gesetzt: „Eine Jacke um 19 € hat immer auch ihren Preis, dafür muss man sich nur die Stationen in der Produktion ansehen. Natürliche, gesunde Stoffe und eine ordentliche Verarbeitung machen sich in jedem Fall bezahlt.“

Mit überdimensionalen Werbeplakaten oder auffälligen TV-Spots will BestSecret nie werben. „Marktschreierisch zu agieren war nie Teil unserer DNA.“ Der „stille Wächter“ macht sich lieber die Kraft der Community zunutze und setzt auf hochwertige Partner(marken).

Text: Chloé Lau
Fotos: David Visnjic

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