ROLLENTAUSCH

Gizem Emre, Schauspielerin, Deutschland, Fack ju Göhte

Mit der Rolle der Zeynep im Film „Fack ju Göhte“ gelang Gizem Emre der Durchbruch. Doch nicht nur die Abwechslung in der Schauspielerei hat es ihr angetan – nun startet sie auch als Unternehmerin durch.

Viel gemeinsam haben die Schauspielerin ­Gizem Emre und die von ihr verkörperte Zeynep aus dem Film „Fack ju Göhte“ nicht gerade: Emre ­erscheint casual und im natürlichen Look zum Interview im Berliner Varieté Wintergarten. Die Berlinerin lacht viel, denkt eingehend nach, bevor sie Fragen beantwortet, und spricht eloquent. Zeynep hingegen schmeißt regelmäßig mit Schimpfwörtern um sich, schminkt sich in grellen Farben und legt nicht viel Wert auf eine gute Ausdrucksweise. Dennoch gibt es zumindest eine Gemeinsamkeit: Mit dem Schulunterricht halten es beide nicht so genau: „Bereits während meiner Schulzeit habe ich angefangen, Schauspiel­unterricht zu nehmen, denn ich hatte einfach schon immer Lust, etwas zu machen, bei dem ich dem Schulalltag entfliehen kann. Ich muss zugeben, dass ich teilweise wirklich viele Stunden verpasst habe, weil ich lieber zum Coaching gegangen bin als zum Unterricht.“

Schauspielunterricht statt Schulunterricht

Diese Coachings scheinen sich bezahlt ­gemacht zu haben: Bereits zwei Wochen, nachdem sich Emre bei der Schauspielagentur „Agentur Tomorrow“ (mittlerweile ist Emre bei „La Strada Doells“) angemeldet hatte, wurde sie zum Casting des Films „Fack ju Göhte“ eingeladen – mit gerade einmal 17 Jahren. Dabei hatte sie zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wie ein Casting abläuft, geschweige denn, wie man sich genau ­darauf vorbereitet. „Ich wusste nicht, was mich erwartet. Mein Vater meinte, ich solle mich so ­natürlich wie möglich kleiden. Also bin ich in Jeans und T-Shirt dort hingegangen. Alle anderen waren auffällig gekleidet und geschminkt – wie Zeynep und Chantal aus ,Fack Ju Göhte‘ eben. Ich war die Einzige, die anders ausgesehen hat“, sagt Emre. In dem Fall scheint dies definitiv kein ­Nachteil gewesen zu sein. Emre bekam die Rolle – und damit auch ihr Einstiegsticket zu mehr Bekanntheit. 2016 gewann sie den Bayerischen Filmpreis als beste Nachwuchsschauspielerin für „Fack ju Göhte 2“. Dass die Filme rund um den vermeintlichen Aushilfslehrer Zeki Müller (gespielt von Elyas M’Barek, Anm.) so erfolgreich sein würden, hätte sie nicht gedacht, erzählt Emre. Den ersten Teil der Trilogie sahen sich 7,4 Millionen Zuschauer in Deutschland im Kino an, den zweiten sogar 7,7 Millionen – damit ist dieser seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1967 der vierterfolgreichste deutsche Film aller Zeiten. Auf dem ersten Platz: „Der Schuh des Manitu“ (11,7 Millionen Besucher), gefolgt von „(T)Raumschiff Surprise“ (9,1 Millionen), „Otto – der Film“ (8,7 Millionen) und „Honig im Kopf“ (7,2 Millionen). „Fack ju Göhte 2“ übertraf laut dem Branchenmagazin Blickpunkt Film an seinem Start­wochenende im September 2015 mit 17,6 Millionen € Umsatz sogar den ersten Teil der „Harry Potter“-Reihe. „Harry Potter und der Stein der Weisen“ hatte bis dahin mit 16,7 Millionen € den Rekord in Deutschland gehalten. Der dritte Teil von „Fack ju Göhte“ (Regisseur der Reihe war übrigens Bora Dagtekin) kam dann zwar „nur“ noch auf knapp sechs Millionen Zuschauer, dennoch wurde er damit der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2017 – und alle drei Teile zusammen bilden die erfolgreichste deutsche Filmreihe aller Zeiten.

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Die Rolle der Zeynep, so Emre, habe ihr durch den großen Erfolg von „Fack ju Göhte“ deutlich auf ihrem weiteren Weg geholfen. Es folgten weitere Angebote in der Schauspielwelt. So spielt Emre seit 2014 in „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“ die Polizistentochter Dana Schulze. Die Dreharbeiten haben es in sich: Für die Drehs wird die Schauspielerin teilweise bereits morgens um halb fünf abgeholt, Feierabend hat sie oft erst spätabends – fast jeder Drehtag dauert über zehn Stunden. Für die 24-Jährige nimmt dabei besonders die Maske zu Beginn des Tages eine wichtige Rolle ein: „Bei der Maske in Köln (Handlungsort der Serie, Anm.) beispielsweise werde ich mit so viel Herzlichkeit empfangen – der Start in den Tag ist dann gleich ganz anders. Danach schaue ich mir das Motiv an, worauf ich zu achten habe und wer meine Spielpartner sind. Dann folgt die Szenenbesprechung und anschließend wird auch schon gedreht“, erzählt Emre. Doch nicht nur für Serien in Deutschland steht sie vor der Kamera, auch in der US-Serie „Homeland“ und der türkischen Osmanen-Serie „Muhtesem Yüzyil: Kösem“ war sie bereits zu sehen. Doch Filmgeschäft ist dabei nicht gleich Filmgeschäft: Auf dem türkischen TV-Markt gehe es eindeutig härter zu, so Emre. „Die Option, nicht zu funktionieren, gibt es nicht. In der Türkei haben wird für eine Sendezeit von zweieinhalb Stunden nur eine Woche lang gedreht. Dieses Material wurde parallel geschnitten und in der anschließenden Woche ausgestrahlt. Das war der Wahnsinn. In Deutschland hat man etwas mehr Vorlaufzeit. “

Bereut hat Emre ihre Wahl, Schauspielerin zu werden, bis auf ein paar kurze Momente nie: „Als wir für ,Fack ju Göhte 2‘ in Thailand bei 40 Grad gedreht haben oder bei Nachtdrehs, wenn ich erst zwischen fünf und sechs Uhr morgens Feierabend habe, die Augen schon zufallen und ich vor Müdigkeit nicht mehr weiß, wie ich heiße – dann denke ich mir schon kurz, dass ich gerne etwas anderes machen würde. Aber der Gedanke verfliegt, sobald ich wieder ausgeschlafen bin“, sagt Emre und lacht.

Gizem Emre, Film, Fernsehen, Kino, Fack u Göhte

Gizem Emre
... stand bereits mit 17 Jahren für die Rolle der Zeynep im Film „Fack ju Göhte“ vor der Kamera. Es folgten weitere Rollen in „Alarm für Cobra 11“ und in Serien in der Türkei und den USA. Seit Januar 2018 ist Emre zudem Besitzerin des Cafés „Refinery High End Coffee“ in Berlin.

Erfolgreiche Fernsehkarriere und Kaffeehausbesitzerin

Einen Plan B abseits der Schauspielerei gab es für sie nie. In eine andere Rolle zu schlüpfen habe ihr schon immer Spaß gemacht, so Emre. Bis heute erinnert sie sich noch an die Zeilen ihres ersten Auftritts im Schultheater: „Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben!“, zitiert sie Johann Wolfgang von Goethes „Der Zauberlehrling“. So gesehen scheint Emre mit Goethe also nicht nur ihr Durchbruch gelungen zu sein – er war auch ihr erster Kontakt mit der Schauspielerei. ­Emres Erfolgsrezept scheint dabei recht simpel: „Ich setze mich nicht unter Druck und plane nicht jeden Schritt genau durch. Wenn ich dann merke, etwas läuft nicht so gut, ändere ich das.“

Bisher scheint ihre Strategie aufzugehen. Insgesamt spielte Emre laut der Schauspielagentur La Strada Doells bereits in 17 Filmen und TV-Serien mit. Sorgen darüber, nicht mehr erfolgreich zu sein oder keine Rollen mehr zu bekommen, macht sich Emre nicht. Natürlich gebe es viele junge Nachwuchstalente, erzählt sie. Es sei aber letztendlich auch immer eine Typfrage, ob man für eine Schauspielrolle genommen wird oder nicht. „Ich wurde in letzter Zeit sogar zu Rollen eingeladen, von denen ich dachte, sie passen nicht zu mir - wie etwa eine ,Elisabeth‘ in einem Märchenfilm. Es ist schön, zu wissen, dass jeder die Chance bekommt, sich zu zeigen.“ Wie viel sie mit den einzelnen Rollen verdient, verrät die Schauspielerin nicht. Insgesamt sei aber jene als Dana Schulze in „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“, bisher wohl am lukrativsten gewesen. Prinzipiell würden private Fernsehsender naturgemäß auch mehr bezahlen als öffentlich-rechtliche, so Emre. Die Serie „Alarm für Cobra 11“ wird auf RTL ausgestrahlt. Doch Geld stand für die Schauspielerin sowieso nie im Fokus. Es sind vielmehr die verschiedenen Rollen und Projekte, die sie faszinieren. „Am liebsten habe ich Projekte mit viel Tiefgang und komplexen Rollen, mit denen man sich davor wochenlang beschäftigen muss.“ Dabei können komplexe Rollen durchaus privat an ihr heften bleiben, wie Emre aus Erfahrung weiß: Für den ZDF hatte sie einmal einen Dreh in einer Anstalt als Drogenabhängige und Zwangsprostituierte. Dies habe ihr einige Nächte an Schlaf geraubt, so Emre. Wirklich schlimm sei so etwas im Endeffekt aber nicht, vielmehr zeige es, dass sie sich mit der Rolle stark auseinandergesetzt habe.

Am liebsten habe ich Projekte mit viel Tiefgang und komplexen Rollen.

Doch nicht nur komplexe Rollen, auch Abwechslung ist Emre in ihrem Leben wichtig: Seit Januar ist sie Inhaberin des Cafés „Refinery High End Coffee“ in Berlin-Mitte, das neben qualitativ hochwertigem Kaffee viele vegane und glutenfreie Speisen anbietet, wie Emre sagt. Momentan zählt Refinery acht Mitarbeiter. Emre arbeitet auch selbst im Café und entwickelt neue Kreationen wann immer die Schauspielerei es zeitlich zulässt. „Ich könnte mir gut vorstellen, das Cafe in weiteren deutschen Städten wie Hamburg zu eröffnen – gerne auch irgendwann im Ausland in Meeresnähe.“ Doch nicht nur für ihr Café hat sie große Pläne, auch in der Schauspielerei hat Emre noch viel vor. So möchte sie unter an­derem gerne eine Rolle in einem gesellschaftskritischen Projekt spielen. Angesichts des Tempos, das Emre vorgibt, ist es wohl auch nicht undenkbar, dass sie in Zukunft noch in gänzlich andere Rollen schlüpft – fernab von Schauspielerei und Kaffeehäusern. Genügend Übung hätte sie ja dafür.

Der Artikel ist in unserer Mai-Ausgabe 2019 „Europa“ erschienen.

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