MILCH AUF HOHER SEE

Floating Farm, Rotterdam, Cow

Er schwimmt und muht, produziert zugleich erneuerbare Energie: „Floating milkfarm“ in Rotterdam ist der erste auf Wasser treibende Kuhstall der Welt. Dabei macht er auch auf fundamentale Zukunftsfragen aufmerksam.

Als Architekturbüro, dessen Leidenschaft schon immer darin bestand, sich kniffligen räumlichen Fragestellungen anzunehmen, schien dieses Projekt wie für GOLDSMITH gemacht. Tatsächlich hat Wesley Leeman nie an der Umsetzbarkeit einer schwimmenden Farm für Hausrinder gezweifelt. Und das obwohl zu Beginn Skepsis und Spott Standardreaktionen auf den Auftrag waren. „Was unsere Marke auszeichnet ist die klare strategische Herangehensweise, die man auch in unseren architektonischen Bauten spürt. Für avantgardistische und futuristische Designs sind andere Büros bekannt. Wir versuchen für Probleme wie mangelnden Raum oder ungünstige Bedingungen, praktische Antworten zu finden“. GOLDSMITH, das ist neben Wesley Leeman noch sein Partner Klaas van der Molen. Das überschaubare Architekturbüro in Rotterdam wächst dabei mit der Größe der Projekte mit. Was bei Aufträgen wie der Realisierung eines Underground-Parks in einer chinesischen Metropole auch notwendig ist.

„Uns Holländern sagt man zwei Dinge nach: Gute Landwirte zu sein, und mit den Wassermassen, die unser Land durchströmen, geschickt umgehen zu können. Und siehe da, bekommen wir das Angebot für einen schwimmenden Kuhstall“. Dabei war ihnen besonders die Einbindung des Hafens in ihrer Heimatstadt ein Anreiz. Wie viele andere Häfen, hat auch dieser mit der Zeit als Schauplatz von Handel und Mobilität an Bedeutung verloren. „Ihm mit diesem Projekt neues Leben einzuhauchen und auch die Menschen dazu zu bringen, dem Hafen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, war definitiv ein Grund, dass wir uns dem Projekt angenommen haben“.

Floating Farm, Rotterdam, Cow 2

Dem Stall das Schwimmen lehren

Am Anfang stand die Frage nach dem Erscheinungsbild der Farm. Auf dem Trockenen erstrecken sich an klassischen Bauernhöfen die Ställe bekanntlich in die Horizontale. Bei einem schwimmenden Objekt ist dies nicht möglich. Um nicht unterzugehen, muss möglichst kompakt gebaut werden. Gleichzeitig benötigen die Geräte und Vorrichtungen, die die Farm künftig bewirtschaften sollen, ihren Raum.

Die Lösung: Den Stall in Schichten denken. Ergebnis ist ein dreiphasiges System, bei dem im Untergrund Ressourcen wie Futtermittel für die Kühe deponiert werden. In der Zwischenetage werden in der „Milchfabrik“ die Produkte hergestellt und an einer Verkaufsstelle auch unmittelbar den Besuchern angeboten. Im Obergeschoss befindet sich dann der eigentliche Stall, auch Kuhgarten genannt. Hier stehen 40 Rinder der deutsch-niederländischen Gattung Meusse-Rhine-Yssel. Technisch gesehen besteht das Konstrukt aus drei zusammenhängenden Schwimmstegen, auch Ponton genannt, aus Beton.

Auf die Frage, was im Nachhinein betrachtet denn die größte Herausforderung war, schmunzelt Leeman. „Tatsächlich war es, die Kommunikation zwischen allen Beteiligten aufrecht zu erhalten. Und dadurch das gesamte Zusammenspiel zum Funktionieren zu bringen. Der unbekannte Untergrund „Wasser“ hat an viele Komponenten besondere Ansprüche gestellt. Und den Leuten, beziehungsweise den Unternehmen, ein Umdenken abverlangt.“

 

Die drei Ebenen der „Floating Farm“
(Quelle: Goldsmith)

 

Melkroboter und Kreislaufwirtschaft

Dabei wurde großen Wert auf die Arbeit mit nationalen Anbietern gelegt. Bei der Beschaffenheit der „Floating Farm“ sollte das Ziel ein möglichst autonomer und automatisierter Betrieb sein.

So hat das niederländische Unternehmen Priva B.V., Spezialist für Gebäude- und Gewächshausautomation, zum Beispiel eigene Bewirtschaftungsprozesse für die Farm entwickelt. Lely ist ein niederländischer Landmaschinenhersteller, und Vorreiter bei der Modernisierung von Melkprozessen. Von ihnen stammen auch die Melkroboter die ohne menschliche Hilfskraft die Milchproduktion bewerkstelligen. Auch die Fütterung und der Abtransport von Gülle funktioniert über Reinigungsroboter.

Die Bedenken von Seiten des Tierschutzes – etwa, ob die Bewegungen des Wassers bei den Kühen zu Übelkeit führen könnten – seien abgeklungen, so Leeman. Forschungen der Universität Utrecht ergaben, dass eine Seekrankheit bei Kühen auf der schwimmenden Farm zu einem hohen Grad auszuschließen sei. Auch lange Transporte quer über den Ozean lösen bei den Tieren keine Seenot aus. „Die Kühe bekommen ausreichend Freilauf durch die regelmäßigen Pausen am Land. Dazu noch natürliches Futter, ohne chemische Zusätze und viel Sonne. Auch die Besucher sind davon überzeugt, dass es den Tieren gut geht.“

Zusätzlich verschaffen die säulenartigen Klimatisierungsvorrichtungen den Milchkühen im Stall ein angenehmes Arbeits- und Wohnklima. Städtische Abfälle, wie Kartoffelreste aus lokal angesiedelten Gastroküchen oder Grasverschnitte aus dem Fußballstadion Feyenoord werden als Futtermittel herangezogen.

Auf der Farm werden die Milchprodukte, hergestellt, verkauft und im Anschluss in Geschäften der Innenstadt und Umgebung vertrieben. Die bewusst kurz angelegten Lieferketten sollen die Konsumenten so auch für Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz sensibilisieren.

Floating Farm, Rotterdam, Cow 4

Vielfältiger Nutzen

Das Projekt wird heute offiziell unter dem Namen „Floating Farm“ betrieben. Das 17-köpfige Team um die beiden Initiatoren Peter und Minke van Wingerden reicht vom zuständigen Bauern bis zur Kommunikationsberatung.

Das von Vornherein nicht ganz klar war, was die Farm letztlich bewirken kann, war den Auftraggebern wie auch den Architekten bewusst. Die zahlreichen Besucher führten zu einer weiteren Sinnfindung der Farm, abseits der Molkereistätte. „Neben Touristen und Neugierigen zieht es vor allem Kinder und Schulklassen aus dem ganzen Land zur Farm“, so Leeman. „Dabei ist der Lerneffekt der größte Mehrwert bei der Sache: Vielen Stadtkindern ist tatsächlich nicht bewusst, woher die Milch, die im Supermarkt steht, eigentlich kommt und wie sie gewonnen wird. Bei der Tour hier kommen sie der Natur ein Stück näher“. Dreiviertel der Niederländer leben in Städten, was auch ein zunehmendes Aufwachsen im urbanen Raum bedingt. Dieses ist geprägt von industrialisierten Prozessen. Derartige Projekte können dabei Bildungsstätte und Berührungsort zugleich darstellen.

Die traditionellen Handelsaktivitäten vor Ort haben sich im Laufe der Zeit größtenteils eingestellt. Dafür lässt der Hafen jetzt andere städtebauliche Entwicklungen zu. Die treibende Kuhfarm könnte als Pilotprojekt auch eine Position als Richtungsweiser einnehmen. Die zunehmende Urbanisierung und die Knappheit an Lebensraum verlangen nämlich nach ganz neuen Ideen.

Floating Farm, Rotterdam, Cow 4

Die Zukunft schwimmt?

Für GOLDSMITH bedeutet der Stall auf Wasser nicht nur neue Möglichkeiten für Kooperationen und eine Zunahme des internationalen Interesses an ihrer Arbeit. Auch größere Fragen haben sich ihnen eröffnet. „Nicht sehr viele Architekten haben sich bislang mit dem nautischen Leben und den baulichen Möglichkeiten dafür auseinandergesetzt. Eigentlich ist dies eine Marktnische mit aktueller Nachfrage. Und wir fühlen uns sehr wohl in dieser“. Bereits in Planung sind ein Hühnerstall und ein Gewächshaus derselben Gattung. Die Konstruktion hat die Architekten dabei wiederum vor gänzlich neue Herausforderungen gestellt. Aber auch das Leben auf flüssigem Untergrund für den Menschen ist eine zukunftsträchtige Idee, die es für GOLDSMITH zu verfolgen gilt.

Die Vereinten Nationen rechnen mit einem Zuwachs von 2 Milliarden Menschen bis 2050, was eine Bevölkerungszahl von 9,7 Milliarden bedeuten würde. Dies verlangt auch nach einer Besiedelung von unbesiedeltem Raum. Die unberührten zwei Drittel Blau, aus denen die Erde besteht, ist dabei eine potenzielle Ressource.

Dass die „Floating Farm“ die einzige Antwort auf die großen Problemstellungen unserer Zeit ist, will Wesley Leeman gar nicht behaupten. „Aber ich glaube, es ist eine mögliche Antwort auf mehrere Probleme. Auf jeden Fall wird Wasser in nächster Zeit Thema bleiben.“

 

Text: Chloé Lau
Fotos: Rubén Dario Kleimeer

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