KRAFT DER ARCHITEKTUR

Regine Leibinger, Architektin, Barkow Leibinger, Stuttgart

Vor mehr als 30 Jahren verließ Regine Leibinger ihre Heimatstadt Stuttgart – um etwas Eigenes zu erschaffen. Heute gilt die Architektin als eine der Besten ihrer Branche.

Regine Leibinger kann ihre Freude kaum verbergen. Denn erst kürzlich gewann ihr Architekturbüro Barkow Leibinger in Berlin einen weiteren Hochbauwettbewerb. Die Jahr Grundbesitz, Teil der im Besitz der Hamburger Verlegerfamilie Jahr stehenden Jahr-Gruppe, will ab 2020 einen ­neuen Büroturm mitsamt Wohnbauteilen an der Kreuzung Kurfürstenstraße und Schillstraße bauen. Mit Vertretern der Bauherren seien gerade die ersten Details besprochen worden. „Das Konzept ist fantastisch. Wir haben fünf fächerartige Bauteile entworfen. Die vertikal gegliederte ­Natursteinfassade erinnert etwas an Ludwig Mies van der Rohe ­(verstorbener deutsch-amerikanischer Architekt, Anm.). Der Stein soll eine changierende Farbigkeit bekommen“, so die quirlige Architektin.

Klassische Moderne mit Blick in die Zukunft

Leibinger versprüht eine Energie, als wäre sie gerade erst in ihren Job gestartet. Dabei führt sie bereits seit mehr als 25 Jahren mit ­ihrem US-amerikanischen Partner Frank Barkow das ­Architekturbüro in Berlin-Charlottenburg. „Wir haben eine klare Haltung – aber keinen auf Wiedererkennbarkeit setzenden Stil. Nach 26 Jahren wissen wir genau, was wir wollen und was nicht. Dabei haben wir unsere Neugierde nie verloren. Denn uns ist der künstlerische Ansatz sehr wichtig“, sagt Leibinger. Die klassische Moderne zu ­zitieren und gleichzeitig in die Zukunft zu schauen – diese Zuschreibung findet sich oftmals im ­Zusammenhang mit den beiden Architekten.

Regine Leibinger, Barkow Leibinger, Architektin 2

Regine Leibinger
... gründete 1993 mit ihrem Partner Frank Barkow das Architekturbüro Barkow Leibinger in Berlin. Sie studierte Architektur an der TU Berlin sowie an der Harvard University in Cambridge.

Dieser Zugang brachte dem Duo Aufträge überall auf der Welt ein, zahlreiche Auszeichnungen ­sowie Gastprofessuren in Deutschland und den USA (Leibinger lehrte früher etwa an der Harvard University, derzeit an der Princeton University). Die Partner entwarfen etwa die Blumenhalle für die Bundesgartenschau in Potsdam im Jahr 2001. Heute wird der Bau auf dem ehemals militärisch genutzten Gelände auf dem Bornstedter Feld als tropische Erlebniswelt genutzt. In Stuttgart-Ditzingen realisierten sie in der riesigen Maschinenfabrik des Industriekonzerns Trumpf eine klare räumliche Ordnung.

Familie Inhaber eines global tätigen Konzerns

Längst zählt die 56-jährige Leibinger zu den besten Architekten Deutschlands. Insbesondere Industriebauten haben es ihr angetan. Leibinger stammt aus der Inhaberfamilie des weltweit tätigen Werkzeug­maschinenherstellers Trumpf, der bei einem Jahresumsatz von 3,8 Milliarden € rund 14.500 Mitarbeiter beschäftigt. Ihr im vergangenen Jahr verstorbener Vater Berthold Leibinger führte das Unternehmen fast 30 Jahre lang als Vorstands­vorsitzender. Ihre Schwester Nicola Leibinger-­Kammüller ist seit 2005 als CEO, deren Mann ­Mathias Kammüller als CDO sowie ihr Bruder ­Peter Leibinger als CTO im Unternehmen tätig.

Leibinger wuchs in den 60er-Jahren in ­einem Haus am Waldrand in Stuttgart auf, wie sie erzählt. Bereits als Kind war sie regelmäßig in den Fabrikshallen von Trumpf. Das Unternehmen, so sagt sie, habe zu Hause stets das Zentrum gebildet. Doch auch Architektur, Kunst und generell ein Sinn für Ästhetik spielten im ­Familienalltag eine große Rolle. Leibingers Großvater war Kunsthändler, ihr Vater ein „verhinderter Architekt“, wie sie lächelnd erzählt. Später sollte sie gemeinsam mit ihm und ihrem Partner ­Barkow an Konzepten und Plänen feilen. Das wirkt bis heute nach: Trumpf ist einer der größten Auftrag­geber des Berliner Architektenteams. Ihre Familien­geschichte prägte Leibinger wesentlich in ihrem Verständnis von Unternehmertum: „Wir ­haben mittlerweile 90 Mitarbeiter – unser Büro ist ein mittelständisches Unternehmen, das muss entsprechend geführt werden. Ich denke, das liegt mir. Das habe ich von daheim mitbekommen“, so Leibinger.

Ich wollte mir beweisen, dass ich das alleine schaffe.

Doch ihren eigenen Weg musste sich Leibinger hart erarbeiten. Bereits in jungen Jahren wollte sie sich etwas Eigenes aufbauen – ohne den Namen, die Firma und die ­Familiengeschichte ­dahinter. „Ich wollte mir beweisen, dass ich das ­alleine schaffe.“ Im Jahr 1983, im Alter von 19 Jahren, verließ Leibinger Stuttgart, um an der TU ­Berlin Architektur zu studieren. Dort ­arbeitete sie für den Architekten Josef Paul Kleihues, der 1987 ­Direktor der Internationalen Bauausstellung in Berlin war. Er öffnete ihr die Augen für die US-­amerikanische Architektur- und Hochschulwelt und ermutigte sie, nach Abschluss des Di­ploms ins Ausland zu gehen.

Ausbildung in Harvard, Karriere im wiedervereinigten Berlin

Leibinger verfolgte ihre Ausbildung weiterhin mit Ehrgeiz. So ging sie 1989 an die Harvard Graduate School of Design in Cambridge (Massachusetts), um sich für den Master of ­Architecture einzuschreiben. Der Leistungsdruck war von Beginn an hoch – doch Leibinger hatte nach genau solchen Herausforderungen gesucht. Nicht nur architektonisch hob sie das Studium auf eine andere Stufe: In Cambridge lernte sie zudem den US-Amerikaner Frank Barkow kennen, die beiden wurden ein Paar – von da an machten die beiden gemeinsam Karriere. Es folgten kurze Stationen in Stuttgart und Rom, 1993 kehrte Leibinger mit Barkow nach Berlin zurück, wo sie die ersten kleinen Wettbewerbe für eine Kindertagesstätte und ein Jugendzentrum im Stadtteil Buchholz gewannen.

Die Stadt befand sich nach dem Fall der ­Berliner Mauer im Aufschwung, in der Architektur wurden vermehrt Wettbewerbe ausgeschrieben – Leibinger und Barkow nutzten diesen frischen Wind. In einer kleinen Einzimmerwohnung in Berlin-Schöneberg installierten sie ihr erstes Architekturbüro. „Wir haben zu Beginn wirklich Klinken geputzt – zum Beispiel haben wir ein Blockheizkraftwerk saniert oder Eingangs­bereiche für Plattenbauten im Osten der Stadt entworfen“, so Leibinger. Der Durchbruch gelang schließlich im Jahr 1998 mit dem Bau der Trumpf-Laser­fabrik in Ditzingen. „Einerseits haben wir ­einen Indus­triebau entworfen, aber dabei gleichzeitig sehr ­viele Innovationen hineingebracht. In weiterer Folge haben wir sehr viel gebaut. Das ist der Schlüssel für junge Architekten. Wenn man den Bauherren vorweisen kann, was man bereits alles gebaut hat, trauen sie einem gleich mehr zu.“

Auch heute will sich Leibinger immer wieder neu herausfordern. Mit dem Bau der „Smart Factory“ von Trumpf in Chicago standen die Architekten 2017 etwa vor der Aufgabe, eine Industrie-4.0-Produktionsstätte mit digital vernetzten Maschinen zu entwerfen. Leibinger und ihr Team installierten einen großen, stützenfreien Raum, in dem verschiedenste Maschinen untergebracht sind. Der Raum wird von maßangefertigten Stahlträgern überspannt. „Die Kunden erhalten von ­einer Brücke (dem Skywalk, Anm.) aus – als Teil der offenen Dachstruktur – einen Überblick über die Maschinen, um sie von der Position aus programmieren zu können“, so Leibinger.

 

Ausgewählte Bauten von Barkow Leibinger
(Quelle: Barkow Leibinger)

 

Trutec Building

Fertigstellung: 2006
Sitz: Seoul (Südkorea)
Grundfläche: 20.000 Quadratmeter
Nutzung: Bürogebäude mit Showroom

Harvard Artlab

Fertigstellung: 2018
Sitz: Boston (USA)
Grundfläche: 840 Quadratmeter
Nutzung: Multifunktionales Atelier- und Ausstellungsgebäude

 

Biosphäre Potsdam

Fertigstellung: 2001
Sitz: Potsdam (Deutschland)
Grundfläche: 11.000 Quadratmeter
Nutzung: Tropenhaus

 

Trumpf Smart Factory

Fertigstellung: 2017
Sitz: Chicago (USA)
Grundfläche: 5.300 Quadratmeter
Nutzung: Vorführ- und Vertriebszentrum

 

Generell begreift sich ihr ­Architekturbüro als Forschungslabor: So forschen Mitarbeiter an den neuesten Materialien und Technologien, im ­Erdgeschoss des Büros befindet sich eine Modellbauwerkstatt mitsamt Lasercutter und Fräsmaschine, wo an Modellentwürfen gearbeitet wird. Insbesondere der Einsatz von Material in der ­Architektur hat es Leibinger angetan: Beschäftigte sie sich früher vor allem mit Metall, Holz und Keramik, ist es seit einigen Jahren Infraleichtbeton. Dieser zukunftsweisende Baustoff hat laut Leibinger den Vorteil, dass er gleichzeitig Lasten tragen kann und als Dämmung dient. Er ist zudem relativ leicht und besteht aus recycelbaren Stoffen.

Miteigentumsanteil am Familienkonzern

Eine konkrete Vision davon, was sie in ­Zukunft noch bauen will, hat Leibinger ­keine. Dennoch: „Auch an das 15. Bürogebäude geht man bei aller Routine immer wieder neu heran. Aber wenn mir jemand morgen sagen würde, ihr könnt ein Museum bauen, sage ich natürlich auch nicht Nein.“ Die Auftragsbücher des Architekturbüros scheinen ohnehin gut gefüllt: Neben dem Büroturm von Jahr Grundbesitz steht etwa ein Wohnhochhaus für die Wohnbaugesellschaft Berlin-Mitte in der Pipeline, ein Hotel- und Boarding-Hochhaus in Frankfurt ist in Planung. Im vergangenen Jahr ­bearbeitete Barkow Leibinger neben zahlreichen Wettbewerben und Studien knapp 40 Projekte in Deutschland, den USA, der Schweiz, Österreich, Ungarn und Russland.

Doch Leibinger hat auch andere Verpflichtungen. So hält sie nicht nur einen Miteigentumsanteil an der Trumpf Gruppe von 29,4 % (den Rest der Eigentumsanteile haben die Berthold Leibinger Stiftung sowie ihre Geschwister inne). Zudem ist die Architektin seit 1999 in deren Aufsichts- und Verwaltungsrat vertreten, wo sie die Familien­interessen vertritt, wie sie sagt. „Ich habe Zeit gebraucht, um hier hineinzuwachsen, denn anfangs war es auch schwierig, was die Expertise anbelangt. Aber mittlerweile bin ich mir meiner ­neuen Verantwortung stärker bewusst. Ich mache den Mund auf, wenn ich etwas zu sagen habe.“

Dennoch will Leibinger vorrangig als Architektin wahrgenommen werden und damit mit einem Genre assoziiert werden, für das sie vor mehr als 30 Jahren aus Stuttgart wegzog – und für das sie sich ihre Begeisterung bis heute bewahrt hat.

Der Artikel ist in unserer Juli/August-Ausgabe 2019 „Smart Cities“ erschienen.

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Editorial Team

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