KICK ME IF YOU CAN

Alisa Buchinger, Forbes 30 Under 30 2019, Österreich

Ein Weltmeistertitel, zweifache Europameisterin, vier Jahre Platz eins der Weltrangliste: Alisa Buchinger kann Karate. Doch 2018 folgte ein Rückschlag nach dem anderen. Nun kämpft sich die Sportlerin zurück an die Spitze.

Es ist ein tiefer Blick in die Augen, der über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Ein kurzer Moment der Schwäche – nur eine Millisekunde lang den Fokus verlieren –, und schon kann der Platz auf dem Siegertreppchen verschenkt sein: Beim Karatekampf spielen scheinbare Kleinigkeiten eine große Rolle, erzählt die Karateka (Karatesportlerin) Alisa Buchinger. Die Salzburgerin hält mittlerweile einen Weltmeistertitel, ist zweifache Europameisterin und hat auch sonst zahlreiche Turniere für sich entschieden – etwa die Premier League in Brasilien und Rotterdam 2016. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: Bereits im Alter von fünf Jahren fing sie mit dem Training an, erhielt mit sechs ihren ersten Gürtel. „Meine Vorbilder waren die Ninja Turtles. Ich wollte unbedingt so kämpfen können wie sie“, erzählt Buchinger.

Alisa Buchinger ist das Cover der Juni-Ausgabe 2019 „30 Under 30“ (Österreich)

Anders als die Ninja Turtles kämpft Buchinger aber nicht mit Schwertern, sondern mit Händen und Füßen. Es komme dabei nicht auf die körperliche Überlegenheit an, sondern vor allem auf die Technik und Schnelligkeit. „Beim Kampf soll die Technik schnell und sauber ausgeführt, aber nicht durchgezogen werden“, erzählt Buchinger. Der Gegner wird also nicht durch einen K.-o.-Schlag besiegt, sondern über ein Punkte­system: Faust auf Körper oder Faust zu Kopf gibt dabei einen Punkt, Fuß zu Körper zwei Punkte und Fuß zu Kopf sowie ein Wurf mit Nachfolgetechnik drei Punkte. Gekämpft wird drei Minuten lang – wer verliert, scheidet aus. Es sei denn, die Karateka, die einen besiegt hat, kommt anschließend bis ins Finale; dann kämpft man in einer „Trostrunde“ um den dritten Platz. Besonders undankbar sei man stets über einen zweiten oder schlechteren Platz, wenn man gerade sehr erfolgreich sei, so Buchinger. „Als ich vor zwei Jahren ganz oben war, war alles andere als ein erster Platz schlimm für mich. Aber momentan freue ich mich über jede Medaille“, sagt die Salzburgerin. Denn vor zwei Jahren schien ihre Karriere perfekt: 2016 holte sie sich den Weltmeistertitel in der Gewichtsklasse bis 68 kg, 2017 ihren zweiten Europameistertitel und befand sich in der Weltrangliste auf Platz eins. Nichts schien sie aufhalten zu können, sie fühlte sich unbesiegbar, so Buchinger. Dann folgte eine Phase der Demotivation: „Ich war 24 Jahre alt und hatte alles erreicht, was ich mit Karate erreichen wollte. Ich war Weltmeisterin. Was sollte also als Nächstes kommen?“, erzählt Buchinger. Ihr ganzes Leben hatte sie bis dahin dem Sport verschrieben, besuchte sogar eine Sportschule, um mehr Zeit für ihr Training zu haben.

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Alisa Buchinger
... startete ihre Karatekarriere bereits mit fünf Jahren beim Verein Karate Union Shotokan Salzburg. Mittlerweile hält sie einen Weltmeistertitel, ist zweifache Europameisterin und war vier Jahre lang auf Platz eins der Weltrangliste.

Ein neues Ziel ergab sich dann im August 2016, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) verkündete, Karate zum ersten Mal in der Geschichte als Disziplin in die Olympischen Spiele aufzunehmen. Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio werden die Disziplinen Kata (festgelegte Serie verschiedener Techniken) sowie Kumite (Kampf) vertreten sein. Die Spiele könnten Buchingers einzige Chance auf olympisches Gold in ihrer Disziplin Kumite bleiben – 2024 wird Karate bei den Spielen in Paris nämlich schon wieder nicht mehr vertreten sein.

Für die Spiele in Tokio wurde Buchingers Gewichtsklasse bis 68 kg mit der höchsten (68+ kg) im Kumite zusammengelegt. Für die beiden Klassen ergeben sich dann zehn Qualifikationsplätze: vier Startplätze für die Besten der Weltrangliste – zwei von der 68-kg-Rangliste, zwei von der 68+-Rangliste –, ein fixer Startplatz für das japanische Team, eine Wildcard, drei Tickets aus einem Turnier, das im April 2020 in Paris stattfindet, sowie ein Platz aus den Qualifikationsturnieren im Juni und August 2019 in Minsk und Lima. Gleiches gilt nicht für die Gewichtsklasse bis 61 kg. Diese wird nicht mit einer anderen zusammengelegt, die Chancen auf ein Ticket für die Spiele sind somit größer. Also entschied sich Buchinger mit ihrem Team für einen Klassenwechsel – und schien damit anfangs recht gut zu fahren; so gewann sie auch dort einige Medaillen.

Bei einem Kampfmanöver Anfang 2018 zog sich Alisa Buchinger dann einen Bruch des Schienbeinplateaus zu und musste erst einmal pausieren. Es folgte eine Nasen-OP, weitere Medaillen blieben der Salzburgerin vorerst versagt. Sie habe viele Kämpfe in der dritten oder vierten Runde verloren, erzählt sie, auch die Gewichtsabnahme habe ihr zugesetzt. Ende des Jahres brach sie sich dann erneut die Nase. „2018 ging alles schief, was hätte schiefgehen können“, erzählt Buchinger. „Letzten Endes wechselte ich dann wieder zurück in die Gewichtsklasse bis 68 kg. Meine Lebensqualität hat bei 61+ einfach stark gelitten, körperlich war ich nicht in Bestform.“ Die Entscheidung soll Buchinger zurück an die Spitze bringen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass sie Anfang 2019 mit null Punkten in der Weltrangliste starten musste. Auch der Druck wird dadurch nicht gerade kleiner, denn 2020 steht quasi direkt vor der Tür, von einer Qualifizierung über die Weltrangliste ist sie als momentane Nummer 22 der Welt noch weit entfernt. Die Hoffnung, sich über ihre Listenplatzierung zu qualifizieren, sei also nicht groß, sagt sie. Vielmehr fokussiere sie sich auf das Turnier im April 2020 in Paris.

„Ich stehe derzeit natürlich extrem unter Druck, versuche aber, mein Ding durchzuziehen und dranzubleiben“, erzählt Buchinger. Unterstützung erhält sie diesbezüglich auch von ihrem Team im Salzburger Olympiazentrum und ihrem Verein Karate Union Shotokan Salzburg. Neben ihrem Trainer Manfred Eppenschwandtner, der selbst in den 70er-Jahren dreimal EM-Bronze in der Kumite-Disziplin geholt hatte, arbeitet sie zudem mit einem weiteren Trainer, einem Physiotherapeuten, einer Ernährungsberaterin und einem Mentalcoach. Besonders in der Zeit, in der Buchingers Karriere Rückschläge erlitten hat, unterstützte dieser sie, zu ihrem Selbstvertrauen zurückzufinden – mit Atemtechniken zur Entspannung und Fokussierung.

Man muss mit einem gewissen Stolz in den Kampf gehen und dem Gegner zeigen, wer der Chef ist.

Ansonsten ist das Training gerade in der Vorbereitungsphase von Wettkämpfen sehr intensiv. Eine Karateeinheit dauert 1,5 Stunden, je nach Tag absolviert sie davon bis zu zwei. Auch Joggen, Krafttraining und Koordination gehören zu ihrem Trainingsplan. Besonders eine gewisse Grundlagenausdauer sei wichtig, um sich nach den drei Minuten Kampf schnell wieder erholen zu können. An erfolgreichen Wettkampftagen könne es von diesen Drei-Minuten-Kämpfen bis zu sechs Stück geben. Als Heeressportlerin – seit 2012 ist Buchinger beim Heeressportleistungszentrum Salzburg – muss sie jeden Tag um 7:30 Uhr zur Standeskontrolle.

Ihr Einkommen setzt sich großteils aus dem Bundesheer­gehalt zusammen, der Rest folgt über Sponsorenverträge. Hauptsponsor ist Red Bull, auch die Stadt Salzburg unterstützt ihre prominente Tochter. Von ihrem Karatepreisgeld kann sie jedenfalls nicht leben: Ein erster Platz beim Weltcup bringt Buchinger 500 €, ein Weltmeistertitel – anders als bei der Fußball-WM, bei der jeder deutsche Nationalspieler bei der WM 2018 sogar beim Erreichen des Viertelfinales schon 75.000 € Prämie kassiert hätte – nichts. „Du machst Karate aus Leidenschaft, nicht des Geldes wegen“, so Buchinger. „Und ich denke, dass das Durchsetzungsvermögen, die Disziplin und der Wille, etwas zu erreichen – was man durch Karate lernt –, in meinem späteren Berufsleben sehr von Nutzen sein werden.“

Disziplin, Willen und Durchsetzungsvermögen wird Buchinger auch benötigen, um ihr großes Ziel in Tokio zu erreichen. Laut Buchinger kommen aus Europa – besonders aus Ländern wie Frankreich, Italien, Aserbaidschan oder der Ukraine – prinzipiell sehr gute Kämpfer; die Türkei und natürlich Japan seien in der Sportart auch stark vertreten.

Es komme aber immer auf das Talent und die mentale Verfassung an: „Du musst dein Ziel von Anfang an vor Augen haben. Und du musst mit einem gewissen Stolz in den Kampf gehen und dem Gegner zeigen, wer der Chef ist“, sagt Buchinger. Neben der richtigen Einstellung und dem Fokus auf das Ziel seien laut Buchinger Schnelligkeit, Taktik, Kraft, Ausdauer und Technik wichtig. Die Kombination dieser Elemente sowie die Grundhaltung seien es auch, was sie so an Karate fasziniert und ihr schon früh gezeigt habe, dass sie den Sport nicht nur als Hobby, sondern beruflich ausüben und damit etwas erreichen möchte.

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Bei der Kampfsportart Karate, welche ursprünglich von der japanischen Inselgruppe Okinawa stammt, liegt ein zentraler Fokus auf dem Respekt vor dem Gegner. Vor und nach dem Kampf geben sich die Kämpfer die Hand und verbeugen sich. Die Kombination aus der Faszination für ­Karate und Buchingers Persönlichkeit hat sie trotz aller Rückschläge veranlasst, nie mit dem Sport aufzuhören: „Nach großen Rückschlägen wie im letzten Jahr fragt man sich schon, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, aufzuhören“, erzählt Buchinger.

Derzeit beschäftigt sie sich nicht nur mit der Vorbereitung für die Olympischen Spiele, sondern bringt auch anderen die Sportart näher: Seit 2015 ist Buchinger Projektpatin für die österreichische Hilfs­organisation Sonne-International und gibt Selbstverteidigungskurse für Mädchen in Indien. Als die Förderung vom Sportministerium Österreichs im September 2018 auslief, startete Buchinger eine Crowdfunding-Kampagne namens „Gemeinsam unschlagbar“, um das Projekt weiterführen zu können. Sie plant, 2020 für das Projekt ein drittes Mal nach Indien zu fliegen.

Davor verbringt Buchinger aber jede freie Minute mit dem Training. Ein tiefer Blick in die Augen, um den Gegner zu irritieren, wird nämlich nicht ausreichen, um Olympiasiegerin zu werden – nicht nur die erste, sondern vielleicht die einzige überhaupt.

Alisa Buchinger ist Mitglied der Forbes DACH 30 Under 30-Liste 2019. Mehr über Alisa Buchinger lesen.

Der Artikel ist in unserer Juni-Ausgabe 2019 „30 Unter 30“ erschienen.

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