FRAU MACHT GELD

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Helma Sick gilt mit Frau & Geld als Grande Dame der Finanzberatung in Deutschland. Wir sprachen mit ihr über Hausfrauenehe, den Mutterkult der Nazizeit und die Folgen finanzieller Abhängigkeit.

Das Statistische Bundesamt hat erhoben, dass 2017 fast 50 % der Frauen in Deutschland in Teilzeit arbeiteten – 1991 war es noch ein Drittel. In Österreich ist der Anstieg noch ­größer. Wie sehen Sie den Trend zur Teil­zeitarbeit?

Der Großteil dieser Frauen bleibt auch in Teilzeit, wenn die Kinder schon groß sind. Hinterher sind sie erstaunt, weil sie so wenig Rente erhalten. Aber wenn ich weniger einzahle, bekomme ich auch weniger raus. Das ist ganz einfach. Teilzeitarbeit ist eben auch Teilzeitrente.

In Deutschland bekommt man doch auch in regelmäßigen Abständen die Information über den Rentenanspruch.

Ja, einmal im Jahr. Aber viele Frauen lesen die Renteninfo nicht. Das wissen wir aus Studien. Gleichzeitig ist ihnen bewusst, dass sie von der Teilzeitrente nicht leben können. Sie wollen es aber nicht so genau wissen, weil es sie deprimiert. „Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen“ – das sollten Frauen beherzigen.

Warum bleiben sehr gut ausgebildete Frauen oft jahrelang zu Hause?

Geringverdienerinnen haben die Wahl nicht, sie müssen arbeiten. Erstaunlicherweise gehen gerade Akademikerinnen wieder vermehrt zurück in die Nische der traditionellen Familie: Papa geht arbeiten, Mama bleibt zu Hause. Das wird auch nur in Deutschland und Österreich so stark gelebt. Ich führe das unter anderem auch auf die Nazizeit und den damaligen Mutterkult zurück. Warum sich das so lange in den Köpfen hält, verstehe ich allerdings nicht.

Hat sich das in all den Jahren, seit es Ihr Unternehmen gibt, nicht geändert?

Als ich vor 32 Jahren angefangen habe, sind die Frauen meist aus einem Umbruch heraus zu mir gekommen: Entweder ist ihr Partner gestorben, gegangen oder krank geworden und konnte den Beruf nicht mehr ausüben. Erst dann haben die Frauen angefangen, sich ums Geld zu kümmern. Das ist jetzt anders. Die meisten Frauen haben heutzutage eine Ausbildung oder ein Studium und wollen unabhängig sein. Doch sobald das erste Kind da ist, kommt häufig die große Wende, und die Frau bleibt automatisch zu Hause. Und dann kommt das zweite Kind, und aus den geplanten zwei bis drei Jahren werden oft zehn und mehr. Aber es gibt nicht so viele Jobs, in die man nach zehn Jahren problemlos wieder einsteigen kann.

Was braucht es, damit junge Frauen heute ein stärkeres Bewusstsein entwickeln, wie wichtig finanzielle Eigenständigkeit ist?

Mehr Aufklärung. Ich werde häufig von Universitäten und Hochschulen zu Vorträgen eingeladen, weil die Professorinnen merken, dass die Studentinnen oft keine Ahnung haben. Einige äußern sogar die Idee, dass, wenn es mit dem Job nicht klappt, sie einfach einen reichen Mann heiraten können. Ist das nicht schrecklich? Das ist doch ein Rückfall in die 1950er-Jahre!

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Helma Sick
... gilt als Grande Dame der Finanzberatung in Deutschland. Fünf Jahre lang übte sie die kaufmännische Leitung des Münchner Frauenhauses aus, bevor sie während der Elternzeit ihr Betriebswirtschaftsstudium absolvierte. 1986 gründete Sick das Finanzinstitut
Frau & Geld in München. Zudem ist sie Kolumnistin, Rednerin und Autorin mehrerer Bücher, etwa von „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“.

Spielt da auch eine gewisse Bequemlichkeit mit, sich dem Leistungsdruck in der Arbeit nicht aussetzen zu müssen?

Ja. Aber wie soll sich die Arbeitswelt ändern, wenn wir Frauen nicht mit- und uns einmischen? Männer wollen nicht unbedingt etwas ändern. Das ist für Frauen nicht leicht. Aber es wird noch viel unbequemer, wenn das Lebensmodell Ehe scheitert und die Frau jahrelang nicht gearbeitet hat, die Kinder aus dem Haus sind und sie keinen Unterhalt bekommt – von der späteren Minirente ganz zu schweigen.

Gibt es das noch oft, dass Frauen zehn Jahre lang zu Hause bleiben?

Oh ja. Und diese Frauen bedenken nicht, was passieren kann. Ich würde mich immer fragen: „Was ist, wenn es schiefgeht?“ Ich verstehe auch nicht, dass Arbeit nicht gesehen wird als das, was sie ist: ein Mittel, um eigenes Geld zu verdienen – aber auch Teilhabe am sozialen Leben, geistige Anregung. Ich hätte mir nie ein Leben ohne Arbeit vorstellen können. Ich finde, dass es zur Würde eines Menschen gehört, nicht abhängig zu sein von einer Partnerschaft oder vom Fort­bestand einer Lebensgemeinschaft.

Was entgegnen Sie Frauen, die Kinder­betreuung und Berufstätigkeit für nicht vereinbar halten?

In jedem Vortrag von mir sitzen mindestens zwei Supermütter drin, die mir sagen: „Die Mutter macht das einfach am besten.“ Die Auswüchse sieht man in diesen sogenannten Helikoptereltern, die über allem schweben und die Kinder zum Projekt erklären, weil ihr eigenes Leben nicht unbedingt gelungen ist. Das ist nicht kindgerecht. Private und öffent­liche Erziehung sollten sich ergänzen, und zwar möglichst früh.

Andererseits zerreißen sich Mütter, die arbeiten gehen …

Es ist nicht leicht. Aber es geht, wenn die Männer mitmachen. Ich plädiere für eine Familienarbeitszeit, wo beide Elternteile gleichermaßen ihre Wochenstunden reduzieren können und zum Beispiel für zwei Jahre einen Lohnausgleich vom Staat bekommen. Denn das ist ja die schwierige Zeit, in der alles zusammenkommt: im Beruf vorankommen, Kinder erziehen. Diese sogenannte „Rushhour des Lebens“ würde entzerrt werden, keiner braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, keiner muss ganz aussteigen.

Was ist mit den vielen anderen Jahren, in denen Kinder Betreuung brauchen?

Auch das ist bei uns schwierig. In skandina­vischen Ländern gibt es nicht nur eine gute, flächendeckende Kinderbetreuung, Familien haben auch mehr Freiheiten; Leute können Homeoffice machen, früher nach Hause gehen. Diese Anwesenheitspflicht bis in den Abend hinein gibt es dort nicht. Mann und Frau sollen sich gleichberechtigt um Beruf und Familie kümmern können, und offenbar geht das auch. Männer wollen doch heutzutage auch mehr mit den Kindern zusammen sein. Wenn die Arbeit­geber mehr darauf eingehen würden, hätten alle was davon. Besprechungen müssen wirklich nicht um 18 Uhr angesetzt werden.

Andererseits rechnet es sich für viele Frauen finanziell kaum, arbeiten zu gehen, weil die Kinderbetreuung teuer ist.

Kurzfristig ist das so, langfristig sieht das aber ganz anders aus. Dann geht halt erst mal das Geld für die Kinderbetreuung drauf, aber dafür können Frauen im Beruf bleiben und auf Vollzeit oder vollzeitnah aufbauen. Sie verdienen eigenes Geld und bleiben unabhängig. Vielleicht müssen wir alle auf eine reduzierte Arbeitszeit hinarbeiten. Mit der zunehmenden Digitalisierung braucht es vielleicht nur noch 32 Stunden in der Woche. Wir müssen uns von alten Strukturen lösen und mehr nach vorne schauen.

Wann haben Sie selbst begonnen, sich für Finanzen zu interessieren?

Ich hatte in jungen Jahren keine Beziehung zu Geld. Meine Eltern waren zwar nicht arm, aber das Geld war immer knapp. Ich habe schon früh bemerkt, dass viele Frauen in unserem Ort unglücklich waren, aber nicht weggehen konnten, weil sie kein Geld hatten. Während meiner Arbeit im Frauenhaus hatte ich eine ähnliche Erkenntnis: Was die Frauen gemeinsam hatten, war nicht nur, dass sie alle schrecklich misshandelt wurden, sie hatten auch alle kein Geld und waren vollkommen abhängig. Schon 1979 habe ich Vorträge darüber gehalten, dass Frauen einen Beruf und eigenes Geld brauchen. Das war damals etwas Besonderes, weil der Ehemann in Deutschland noch bis 1977 den Job seiner Frau kündigen konnte. Stellen Sie sich das mal vor!

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Sie haben als junge Frau als Sekretärin begonnen …

Ich wurde später Vorstandssekretärin, dann wechselte ich ins Frauenhaus, als kaufmännische Leiterin. Vorher habe ich wesentlich mehr verdient, aber es war einfach eine Herzens­­angelegenheit. Die Jahre im Frauenhaus waren unglaublich eindrucksvoll. Aber dann haben mein Mann und ich unseren Sohn adoptiert und ich bin in Elternzeit gegangen. Auch das war eine wichtige Zeit, aber es gefiel mir nicht, dass ich finanziell abhängig war.

Wie lange waren Sie zu Hause?

Vier Jahre. Ich habe in der Elternzeit ein Abendstudium in Betriebswirtschaft absolviert, um mich auf eine Selbstständigkeit vorzubereiten. Mein Mann hat mich dabei sehr unterstützt. Das mit der Selbstständigkeit war wieder so eine Initialzündung: 1986 habe ich einen Artikel gelesen über zwei Frauen, die eine Finanzberatung für Frauen eröffnet hatten, und ich dachte mir: Das ist das, was ich machen möchte! Also habe ich mich weitergebildet, habe Seminare in Frankfurt besucht und in Finanzbetrieben hospitiert. Alle Männer damals haben gesagt, Frauen zu beraten sei die blödeste Idee, die es überhaupt gibt. Und schauen Sie: Alle, die mir damals abgeraten haben, gibt es heute nicht mehr. Wir aber existieren seit 32 Jahren.

Warum haben Sie überlegt, etwas Eigenes zu gründen? Sie hätten sich ja auch eine spannende Anstellung suchen können.

Ich wollte gerne meine eigene Chefin sein, mir die Zeit selbst einteilen. In den ersten Jahren habe ich allerdings enorm viel gearbeitet, weil ich mich nicht getraut habe, jemanden einzustellen. Aber ich habe die Selbstständigkeit keine ­Sekunde bereut.

Ist Selbstständigkeit eine gute Alternative für Frauen?

Unbedingt – wenn es die richtige Geschäftsidee ist. Man darf sich allerdings nicht mit dem 53. Nagelstudio an der Ecke selbstständig ­machen.

Haben Ihre Kundinnen alle ein eigenes Einkommen?

Es gibt Frauen, die wegen eines Partners nicht arbeiten. Die meisten Männer mögen das ja gerne, wenn die Frau zu Hause ist und ihnen den Rücken freihält. Gar nicht wenige reduzieren allerdings ihre Wochenarbeitszeit bereits, wenn sie mit dem Partner zusammenziehen, obwohl noch keine Kinder da sind. Ich kann mir schon vorstellen, wie das abläuft. Er sagt: „Schatz, mach es dir doch ein bissl leichter.“ Wer es leichter hat, ist er! Ich wünsche mir, dass sie sagt: „Super, toller Vorschlag. Aber erst gehe ich zur Rentenversicherung und lasse mir ausrechnen, was das mit meiner Rente macht. Wenn du mir diese Einbuße dann ausgleichst, mache ich das.“ Ich möchte gerne, dass Frauen so reagieren, denn von der Rente müssen sie unter Umständen später alleine leben. Es ärgert mich, dass Frauen auf solche Vorschläge eingehen, ohne die Folgen zu bedenken.

Text: Julia Herrnböck
Foto: Thomas Dashuber

Der Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2019 „Women“ erschienen.

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