FINANCIAL HEALTH

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200 Jahre nach der Gründung will sich die Erste Group wieder neu ausrichten. Statt als Bank will der scheidende CEO Andreas Treichl das Unternehmen als „Financial Health Company“ positionieren.

Eine Frage stellt Andreas Treichl besonders gerne: Wer ist der ­Spekulant? Ein ­Biobauer, der Bananen ­züchtet, sie ein­lagert, reifen lässt und je nach Menge und Preis an Lebensmittelhändler verkauft? Oder ein Kunsthändler, der ein Werk um zwölf Millionen US-$ kauft, obwohl es eigentlich nur zehn Millionen US-$ wert ist, und es danach um 15 Millionen US-$ weiterverkauft? „Die Frage konnte mir ­bisher nur ein junges Mädchen richtig beantworten“, sagt Treichl. „Denn alle meinen, der Kunsthändler sei ein Spekulant – weil wir Spekulieren mit etwas Bösem verbinden.“ Der eigentliche Spekulant sei jedoch der Bananenhändler, der nicht weiß, zu welchem Preis er ­verkaufen kann. Der Kunsthändler agiert hingegen mit fixen Preisen, spekuliert also nicht. „Das ist eine der Sachen, die wir hier vermitteln müssen“, so Treichl.

„Hier“ beschreibt in diesem Fall den Financial Life Park (FLiP) der Erste Group, wo Treichl an diesem Tag eine Schülergruppe führt. Im Mai 2016 gegründet und von Direktor Philip List geführt, soll die Einrichtung Finanzwissen vermitteln – vorrangig an Jugendliche und Schulklassen, aber auch ältere Personen sind willkommen. Das FLiP soll dabei so früh wie möglich informieren und aufklären, damit Menschen später selbstbewusst Entscheidungen treffen können. Dass eine solche Initiative gerade von einer Bank kommt, die auch von überzogenen Konten profitiert, wurde öffentlich durchaus diskutiert. Das FLiP setzt jedenfalls konsequent auf einen eigenständigen Auftritt – auch, um die Unabhängigkeit zu unterstreichen.

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Andreas Treichl (re.)
... ist seit 1997 Generaldirektor der Erste Bank und seit 2008 CEO der Erste Group. Diese Position hat Treichl bis Jänner 2020 inne, dann übernimmt Bernhard Spalt den CEO-Posten. Treichl wird dann Aufsichtsratsvorsitzender der Erste Stiftung – und will sich dabei vorrangig dem Thema „Financial Health“ widmen.

Philip List
... ist Direktor des Financial Life Park (FLiP) am Erste Campus.

Das FLiP ist dabei Teil einer größeren Neuausrichtung der Erste Group. Seit geraumer Zeit spricht Treichl von seinem Unternehmen nämlich nicht mehr als Bank, sondern zunehmend als „Financial Health Company“. Genauso wie die körperliche Gesundheit ist die finanzielle Gesundheit laut dem Banker ein Grundbedürfnis, um ein glückliches Leben zu führen. Und je mehr Treichl darüber spricht, desto mehr stößt ihm der Umgang mit dem Thema Financial Literacy in Österreich auf. „In der Ausbildung der Kinder wird viel zu wenig wirtschaftliches Allgemeinwissen vermittelt.“ Und tatsächlich sprechen die Zahlen keine positive Sprache: Fast die Hälfte der Österreicher gibt an, privat verschuldet zu sein, und ein Viertel der Personen, die Schuldenberatungen in Anspruch nehmen, sind unter 30 Jahre alt. Insbesondere die Konsumschulden sind in den letzten Jahren massiv gestiegen – oft ist das Smartphone einer der Gründe dafür.

Neben dem stationären FLiP am Erste Campus reist seit Anfang April ein umgebauter Bus („FliP2Go“) durch Österreich: Bei Stopps in jedem Bundesland wurden rund 8.000 Jugendliche begrüßt, insgesamt hat die Einrichtung bisher rund 60.000 Schüler erreicht. Für Treichl bleibt das Thema jedenfalls noch länger relevant, denn Anfang 2020 wird er als CEO der Erste Group von Bernhard Spalt abgelöst. Treichl wechselt als Aufsichtsratsvorsitzender in die Erste Stiftung, den größten Aktionär der Group, und will sich als solcher verstärkt dem Thema „Financial Health“ widmen.

Herr Treichl, Sie haben gesagt, das FLiP solle dazu beitragen, dass Menschen vernünftige Finanz­entscheidungen treffen. Was war denn die bislang unvernünftigste Finanzentscheidung, die Sie getroffen haben?

Andreas Treichl (AT): Mir vor 23 Jahren eine Harley-Davidson zu kaufen. Ich habe sie mit 3.500 Meilen gebraucht gekauft, jetzt hat sie 5.000. In 23 Jahren bin ich also 1.500 ­Meilen gefahren. Hauptsächlich fahre ich sie, um das Pickerl machen zu ­lassen, drehe eine Runde um den Ring. Es macht mir trotzdem Spaß.

Spielt das Thema Finanzbildung heute eine größere Rolle als früher?

AT: Das glaube ich nicht. In der Ausbildung der Kinder wird viel zu wenig wirtschaftliches Allgemeinwissen vermittelt und auch zu wenig in das Verständnis von Geld und Finanzwirtschaft investiert. Mit dem FLiP wollen wir einen Beitrag leisten, der diesen Umstand verändert. Das halten wir für eine unserer wichtigsten Aufgaben, wir hegen insgeheim die Hoffnung, dass mit den Schülergruppen auch Lehrer mitkommen, die dann in Sachen wirtschaftliches Wissen mehr Druck machen. Wir glauben fest daran, dass Finanzbildung die Sicherheit der Menschen erhöht.

Eine Studie der Erste Group belegt, dass Österreich beim Wirtschaftswissen schlecht abschneidet. Kaum einer konnte etwa erklären, was das BIP ist. Ein österreichisches Phänomen?

Philip List (PL): Nein, das gibt es weltweit. Und bei Financial Literacy gibt es auch unterschiedliche Studienergebnisse – mal besser, mal schlechter. Der Punkt ist, dass wir im FLiP feststellen, dass das Wissen nicht ausreichend vorhanden ist.

Ist das hierzulande geringe Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen, etwa im Vergleich zu den USA, dafür verantwortlich?

PL: Ja, auch.

AT: Amerika hat eine Kapitalmarktkultur, und damit kommt ein großes Problem auf Europa zu, mit dem sich die Politik nicht ausreichend auseinandersetzt. Denn es gibt nur zwei Länder in Europa, die über einen funktionierenden Kapitalmarkt verfügen: die Schweiz, die kein Mitglied der Europäischen Union ist, und Großbritannien, das die EU gerade verlässt. Das Thema geht weit über die Finanzbildung hinaus und zieht sich tief in die Politik – und zwar in allen Ländern. Da herrscht eine Furcht und eine Abneigung gegenüber allem, was mit Kapitalmärkten zu tun hat. Das Verständnis fehlt in unseren Breitengraden, was wiederum riesigen Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung hat.

Wie zeigt sich das?

AT: Das geht tief ins Gesellschafts- und Steuerrecht, reicht sogar bis zum Rechnungswesen. Unsere Buchhaltung ist schuldenbasiert, während die USA eine eigenkapitalbasierte ­Buchhaltung führen. Unser Steuer- und Gesellschaftsrecht bietet Anreize, die Gewinne möglichst zu minimieren, um wenig Steuern zu zahlen. An Kapitalmärkten braucht es hingegen Transparenz, also versuchen Unternehmen, hohe Gewinne auszuweisen, um die Aktionäre zu befriedigen. Ich sage nicht, dass wir wie die USA werden müssen – aber ein bisschen mehr von dem Denken bräuchten wir.

Was heißt das für die Bankenwelt?

AT: Die europäischen Banken sind für die Wirtschaft wichtiger als die US-amerikanischen. In den USA finanzieren die Geldhäuser „nur“ 25 % der Wirtschaft, in Europa sind es 75 %. In unserer Region sind es sogar 90 %, weil es eben keinen Kapitalmarkt gibt. Das ist ein gesellschaftliches Thema, und ein Teil davon liegt auch in Financial Literacy.

Wir glauben fest daran, dass Finanzbildung die Sicherheit der Menschen massiv erhöht.

Sie wollen aus der Bank eine „Financial Health Company“ machen. Inwiefern wird sich die Rolle als Financier der Wirtschaft in Zukunft ändern?

Wir sind der Meinung, dass die Unternehmen eine Alternative zur Bankfinanzierung brauchen – und diese könnte der Kapitalmarkt sein. Wir sehen uns weiterhin als Berater und Partner unserer Kunden, weil wir der Überzeugung sind, dass eine persönliche Beziehung enorm wichtig ist. Bei uns entscheiden niemals Algorithmen über eine Kreditvergabe. Und auch wenn in der Zukunft wahrscheinlich viele Transaktionen über das Handy abgewickelt werden, wird es die Möglichkeit, einen Berater anzurufen oder einen Termin auszumachen, bei uns immer geben. Das unterscheidet uns auch wesentlich von den Start-ups. Daran wird sich nichts ändern.

Soll das FLiP über Financial ­Literacy somit auch den Zugang von Privatpersonen zum Kapitalmarkt stärken, Menschen also ermutigen, Geld etwa in Aktien zu investieren?

PL: Unbedingt. Wir wollen mit dem FLiP sehr wohl den Zugang von Privaten zum Kapitalmarkt stärken. Mit der „Kapitalmarkt Challenge“ stellen wir Schulen die erste digitale Unterrichtseinheit zur Verfügung, die 14- bis 18-Jährigen den Kapitalmarkt erklärt und Ihnen auch das Thema Vorsorge näher bringt. Zudem bieten wir im FLiP spezielle Kapitalmarkttouren an, dass dieses Thema Jugendlichen verstärkt näher bringt. Für Lehrer stehen auf unserer Webseite spezielle Unterrichtsmaterialien zum Download bereit.

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„Amerika hat eine Kapitalmarktkultur – und damit kommt ein großes Problem auf Europa zu, mit dem sich die Politik nicht ausreichend auseinandersetzt. Das Thema geht weit über die Finanzbildung hinaus und zieht sich tief in die Politik, und zwar in allen Ländern“, so Andreas Treichl.

In einer anderen Station wird der Unterschied zwischen Wert und Preis nähergebracht. Wie?

PL: Wir erklären, dass es drei unterschiedliche Arten von Wert gibt: den emotionalen, den situativen – wie die Flasche Wasser in der Wüste – und den materiellen. Und wir beginnen immer mit der Inflation und fragen: Was bedeutet es, wenn du 1.000 € in diesen Tresor einsperrst, das Geld nicht anlegst und keine Zinsen bekommst?

AT: Man darf nicht vergessen, dass hier eine Generation in eine Welt wächst, die wir nicht kennen. Wir leben in einer Zeit, in der ich Geld kostenlos bekomme, aber nichts verdiene, wenn ich es investiere. Das ist eine ganz dramatische Änderung. Ich kriege nichts auf mein Sparbuch, also muss ich ins Risiko gehen. Was heißt zum Beispiel Sparen? Heute heißt Sparen, nichts auszugeben. Ob das Geld im Tresor liegt oder in einer Bank, ist egal. Ich gebe es nicht aus, aber ich bekomme auch nichts dafür.

Ein anderes Thema ist die Überschuldung respektive Armutsgefährdung. In vielen ­Ländern, in denen die Erste Group tätig ist, sind die Zahlen dramatisch, in Rumänien etwa sind 40 % der Menschen armutsgefährdet. Gibt es Überlegungen, das FLiP an andere Standorte zu bringen?

PL: Durchaus, und sehr konkret in Rumänien. Dort werden wir zunächst mit einer mobilen Version auf die Straße gehen und denken parallel dazu schon an einen Ausstellungsraum. In der Slowakei und auch in Tschechien gibt es Interesse, und wir bringen aktuell die mobile Version, das FLiP2Go, auch in die Bundesländer, weil nicht alle Schüler nach Wien kommen können. Also ja, wir expandieren. Hinter dem FLiP steht ein Anliegen. Es fühlt sich an wie ein Vermächtnis …

AT: Ich glaube nicht, dass es ein Vermächtnis ist. Ich glaube, es ist ein Teil unseres Gründungsauftrags. Wir wollen den Menschen in der Region, in der wir tätig sind, zu Wohlstand verhelfen – dazu gehört Financial ­Literacy. Wir glauben, dass es Menschen zu Wohlstand verhelfen kann, wenn sie von früh an mehr über das Finanzleben wissen und die Zusammenhänge verstehen. Es ist eine konsequente, relativ kostenintensive Investition in die Zukunft unserer Region.

Inwiefern passt das FLiP in die Feierlichkeiten der Erste Bank anlässlich des 200-jährigen Jubiläums?

PL: Ich sehe es als einen logischen nächsten Schritt zur Zweiten Sparkasse. Vor zehn Jahren wurde sie für all jene gegründet, die aus irgend­einem Grund eine falsche Entscheidung getroffen haben und in eine schwierige Situation gekommen sind. Mit dem FLiP hoffen wir, so viel Interesse bei Jugendlichen zu generieren, dass sie am besten gar nicht erst in diese Lage kommen.

Text: Klaus Fiala, Heidi Aichinger
Fotos: Jiri Turek und Jana Jaburkova

Der Artikel ist in unserer Forbes Daily erschienen.

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