Ex-Banker in Kinderschuhen

Digitale Vermögensverwaltung steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Das deutsche Fintech Scalable Capital will sich das nun zunutze machen. Ein..

Digitale Vermögensverwaltung steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Das deutsche Fintech Scalable Capital will sich das nun zunutze machen. Ein Blick in die USA zeigt, dass das kein Selbstläufer wird.

Die Finanzkrise brachte – angesichts der Erkenntnis, dass das Finanzsystem dringend umgekrempelt werden sollte – einige Innovationen hervor, die erst heute beginnen, die Branche aufzuwühlen. Crowdfunding ist eines dieser Beispiele, die sich in den Nachwehen der Subprime-Krise entwickelten, und auch Robo-Advisory, also die digitalisierte Vermögensverwaltung, entstand in Form der heutigen Marktführer Betterment und Wealthfront am Gipfel der Krise 2008.

Das Versprechen der Fintechs ist dabei, durch die Automatisierung von Prozessen niedrigere Gebühren für Kunden verlangen zu können. Muss man bei klassischen Vermögensverwaltern schon einige Hunderttausend Euro im Gepäck haben, um überhaupt über die Türschwelle zu kommen, sind diese Mindestanlagesummen bei Robo-Advisors deutlich niedriger. In Europa fängt die Branche an, zum Leben zu erwachen. Der erste europäische Anbieter war Nutmeg in Großbritannien, und seit Kurzem versucht die von zwei Österreichern mit gegründete Scalable Capital, den deutschen und britischen Markt zu erobern – nun soll auch Österreich folgen. Das Geschäftsmodell klingt auf den ersten Blick überzeugend: niedrige Gebühren und Eintrittshürden für Kunden. Zugleich wird über passive Investmentvehikel (Exchange Traded Funds, kurz ETFs) breit und global diversifiziert und so das Risiko minimiert. Und im Gegensatz zu Start-ups, die eine Vermittlerrolle zu klassischen Banken einnehmen und Kunden deren Fonds und Produkte anbieten – Beispiele wären die deutschen Anbieter Vaamo oder Ginmon –, haben die zuvor genannten Firmen ein Verwaltungsmandat. Betterment, Wealthfront, Nutmeg und Scalable Capital dürfen das Geld ihrer Kunden verwalten, tragen das Verlustrisiko und können auf Marktänderungen schnell und unkompliziert reagieren.

Doch die Branche hat auch Schwierigkeiten. Betterment schloss kürzlich seine Series-E-Runde (also die fünfte offizielle Finanzierungsrunde) ab, was ein Indiz für fehlende Profitabilität ist. Auch Wealthfront, Nutmeg und Scalable Capital sind (noch) auf Investoren angewiesen. Denn die niedrigeren Gebühren zahlen sich erst aber einer größeren Dimension aus, weil erst dann die Fixkosten, etwa für Personal, auch gedeckt werden können.

Es muss also genug Fleisch da sein, damit sich die digitale Vermögensverwaltung auch rechnet. Dabei haben First Mover wie Betterment in den USA, Nutmeg in Großbritannien und Scalable Capital im deutschsprachigen Raum natürlich Vorteile. Doch selbst dann ist Erfolg nicht garantiert: Nutmeg schrieb 2014 5,3 Millionen Pfund Verlust, 2015 bereits neun Millionen– obwohl sich der Gewinndes britischen Robo-Advisors auf 1,7 Millionen Pfund fast verdreifachte. Doch die Kosten gingen ebenfalls nach oben, von sechs auf 10,8 Millionen Pfund.

Die Messgröße hierbei sind die Assets under Management (AUM). Diese Kennzahl zeigt, wie viel Geld der Kunden die jeweiligen Anbieter verwalten. Betterment und Wealthfront lieferten sich dabei einen Wettkampf, den Betterment mit über drei Milliarden US-$ an AUM für sich entschied. Die europäischen Anbieter hinken da noch etwas hinterher, sind aber nicht weniger ambitioniert, wie das Gespräch mit dem gebürtigen Tiroler Florian Prucker, Mitgründer von Scalable Capital, zeigt. Das Unternehmen hat Sitze in München und London, 40 Mitarbeiter und wächst laut Prucker jede Woche um „mehrere Millionen € an Assets under Management“. Dabei haben die drei Gründer noch nicht genug, nach Österreich – seit Anfang 2016 ist Scalable Capital auch hierzulande verfügbar – sollen die Schweiz und weitere EU-Länder erschlossen werden.

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Scalable-Capital Gründer Florian Prucker

Für Florian Prucker war es als Innsbrucker nicht weit nach München, wo er an der TU Betriebswirtschaft und Elektronik studierte. Danach war er acht Jahre lang in New York, Frankfurt und London in der Finanzbranche tätig – zuletzt als Executive Director of Securities Trading für Goldman Sachs. 2015 gründete er mit Erik Podzuweit, und Stefan Mittnik den Robo-Advisor Scalable Capital.

Wie kam es zur Gründung von Scalable Capital?

2014 sind wir Gründer zusammengesessen und haben uns vorgenommen, wir machen das jetzt, so nach dem Motto: ‚Wer am Montag seinen Job kündigt, ist als Gründer dabei.‘ Das ganze Jahr 2015 haben wir das Unternehmen unter dem Radar aufgebaut. Wir haben heute eine Holdinggesellschaft in München und zwei Finanzdienstleistungsinstitute als Töchter, eines in München und eines in London.

Gab es Schwierigkeiten mit den regulatorischen Rahmenbedingungen?

Nein. Wir haben von den jeweiligen Regulatoren Erlaubnis eingeholt, sind also nicht nur ein Vermittler-Fintech, daseineschöneWebsitehatundandie klassische Bankenwelt weitervermittelt. Wir bauen die ganze Wertschöpfungskette selbst und können das Geld unserer Kunden selbst verwalten.

Was heißt das genau?

Scalable Capital ist ein digitaler Vermögensverwalter. Wir sind also kein klassischer Produktanbieter, sondern öffnen für unsere Kunden ein Depot und stellen dann für sie ein Portfolio aus ETFs zusammen. Zudem managen wir das Depot, tauschen also Fonds im Portfolio aus.

Vermögensverwaltung ist aber kein neues Geschäftsmodell …

Ja, aber in der klassischen Verwaltung hat man hohe Einstiegshürden. Die Mindestanlagesumme liegt da bei bis zu einer Million €. Durch unsere Software können wir aber viele Prozesse automatisieren und dieses Service so auch kleinen Kunden zugänglich machen.

Wie hoch ist die Mindestanlagesumme?

Das Minimum liegt bei 10.000 €, der durchschnittliche Anleger legt jedoch zwischen 40.000 und 60.000 € an. Unsere Zielgruppe nennt sich „mass affluent“. Da ist auch der eine oder andere Millionär dabei, unsere „normalen“ Kunden sind aber Smart Professionals; Leute, die einen guten Job haben und über ein höheres Einkommen verfügen, zwischen 40 und 50 Jahre alt sind und wissen, dass sie etwas mit ihrem Geld machen müssen. Sie sind aber zu beschäftigt, um das selbst zu übernehmen.

Wie viele Kunden hat Scalable Capital?

Wir haben im Moment ca. 1.600 Kunden und wachsen jede Woche um mehrere Millionen € an AUM. Wir sind somit einer der am schnellsten wachsenden Vermögensverwalter in Europa. Die regionale Streuung ist im Moment stark auf Deutschland konzentriert, wir haben aber auch eine gute Traction in England. In Österreich sind wir gerade erst gestartet. Europa ist,was Robo-Advisory angeht, noch eine grüne Wiese.

Im englischsprachigen Raum gibt es den Trend ja schon seit einigen Jahren.

Das stimmt. Die USA sind uns da etwa vier Jahre voraus, dort gibt es Start-ups wie Betterment oder Wealthfront. Die haben rund vier Milliarden US-$ AUM und niedrig sechsstellige Kundenzahlen, da bricht die Lawine gerade richtig los. Auch England ist mit Start-ups wie Nutmeg etwas voraus.

Wie viele AUM hat Scalable Capital?

Wir sprechen derzeit noch nicht über diese Zahl.

Wie sieht das Preismodell aus?

Wir haben eine All-in-Fee. Das deckt nicht nur die Kosten für unsere Dienstleistung ab, sondern auch die Konto- und Depotführung sowie alle Trades. Wir verlangen 0,75 Prozent des Anlagevermögens für diese Pauschale. Für einen traditionellen, aktiv verwalteten Fonds einer Großbank liegt diese Zahl zwischen 1,25 und zwei Prozent. Dazu kommen dann aber meist noch versteckte Gebühren, etwa Ausgabeaufschläge oder Depotgebühren. Da kommt man im Durchschnitt eigentlich immer auf zwei Prozent.

Es gibt auch in Deutschland Konkurrenten, die in einem ähnlichen Bereich arbeiten, Vaamo oder Ginmon. Was unterscheidet Sie von der Konkurrenz?

Wenn man unser Geschäftsmodell vergleichen will, dann eignen sich die genannten US-Anbieter Betterment und Wealthfront am besten. Diese Unternehmen sind echte Vermögensverwalter und haben eine Lizenz der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC. Wir haben das gleiche Setup, also direkte Kunden, und sind für die Risikoüberwachung, Zusammenstellung der Fonds etc. zuständig. Die europäischen Anbieter, insbesondere Vaamo und Ginmon, sind hingegen keine Vermögensverwalter, sondern Vermittler. Sie haben keine Lizenz, sondern arbeiten unter der Gewerbeordnung und vermitteln Fonds. Sie haben keine Verantwortung über das Portfolio, sondern wählen Fonds aus und vermitteln das Portfolio – die Entscheidung liegt dann letztendlich beim Kunden.

Warum arbeiten Sie nur mit ETFs?

Der Exchange Traded Fund ist eine der Säulen unseres Geschäftsmodells. Wir sind davon überzeugt, dass diese Produkte die Finanzwelt revolutioniert haben. Das Problem mit ETFs ist, dass fast niemand solche Fonds anbietet, denn diese Fonds sind so günstig, dass sie sich für einen normalen Vertriebsmitarbeiter, etwa von einer Bank oder einem Finanzberater, nicht auszahlen. ETFs haben auch keine Rückvergütungen, sprich Zahlungen, die die Fondsgesellschaft an den Vertrieb leistet. ETFs haben Kosten von durchschnittlich 0,2 bis 0,25 Prozent. Das ist ein Achtel oder ein Sechstel von klassischen Fonds.

Das heißt, Einzeltitel, Anleihen oder Immobilien sind für Scalable Capital kein Thema?

Die ETFs, die wir einsetzen, bilden unterschiedliche Assetklassen ab. Wir haben ETFs auf Staats- und Unternehmensanleihen, Aktien, Rohstoffe, Immobilien. Wir decken alle Anlageklassen ab, tätigen aber innerhalb dieser Klassen keine Direktinvestitionen. Wir sehen uns nicht als „Stock Picker“, sondern wollen breit streuen und die Risikoprämie des ganzen Marktes abgreifen und dadurch für unsere Kunden langfristig Geld verdienen. Es ist schwierig, Alpha zu erzeugen, den Markt durch die richtige Auswahl von Einzeltiteln zu schlagen. An diesen Ansatz glauben wir nicht.

Wie überzeugen Sie Kunden, die selbstständig in ETFs investieren?

Es gibt Leute, die besser fahren, wenn sie das so machen – das sage ich ganz ehrlich. Jemand, der sich zutraut, für China, Deutschland oder die USA den jeweils besten ETF auszuwählen und dabei die Dimensionen – Sicherheit, Steuern, Kosten etc. – beachtet, fährt als Selbstentscheider am besten. Doch diese Gruppe ist nicht so groß. Viele wollen diese Arbeit nicht selbst machen – und jene sind eher unsere Zielgruppe. Aber auch für Selbstentscheider bieten wir Dinge an, die man alleine kaum umsetzen kann. Wir fassen etwa alle Order unserer Kunden zusammen und können so bessere Konditionen am Markt erzielen. Wir glauben, dass wir im Risikomanagement, in der ETF-Auswahl und auf der Kostenseite ein Gesamtpaket bieten können, das auch für Selbstentscheider nicht so einfach schlagbar ist. Man kann sich ja auch die Haare selbst schneiden – das machen allerdings nur die allerwenigsten.

Die grundlegende Idee, also bei möglichst geringem Risiko die maximale Rendite zu erzielen, gibt es in Form der Portfoliotheorie des Ökonomen Harry Markowitz seit 60 Jahren. Welches neue Element bringt Scalable Capital mit?

Die allgemein gängige Portfoliotheorie ist in der Theorie und auch mathematisch sehr elegant. Harry Markowitz hat sich den Nobelpreis dafür durchaus verdient. Sie hat aber Schwachstellen, denn viele Annahmen treffen in der Praxis nicht zu; etwa, dass das Risiko im Zeitverlauf konstant ist. Wenn man sich Krisen ansieht – die Staatsanleihenkrise 2011, die Finanzkrise 2008 oder die Dotcom-Blase 2000 –, dann merkt man, dass es Phasen mit großem Risiko gibt. Gleichzeitig gibt es aber auch ruhige Perioden, wo die Märkte nach oben laufen. Diese Risikodynamik wird im Markowitz-Modell nicht abgebildet. Das Modell ignoriert auch Handelskosten und Steuern. Wenn wir mit diesem eleganten, aber nicht praxisrelevanten Modell arbeiten würden, gäbe es keine optimalen Ergebnisse.

Worauf basiert Ihr Modell?

Wir haben bei Goldman Sachs die Praxis auf die harte Tour kennengelernt und haben dort unsere Portfolios auch quantitativ gesteuert. Unser Mitgründer Professor Stefan Mittnik forscht seit 30 Jahren auf diesem Gebiet. Er untersucht, wie man Risiken messen und modellieren kann, und zieht daraus Schlüsse für die Portfoliooptimierung. Wir haben also seine Forschungsergebnisse mit unseren Erfahrungen, wie man in der Praxis handelt, kombiniert und so ein Anlagemodell entworfen, das Risiken in einer Welt managt, die nicht so schön wie in der Theorie ist. Erweitert wurde das um die Erkenntnisse des Nobelpreisträgers Robert Engle. Genau diese Tools und die Rechenpower haben wir einem klassischen Bankberater voraus.

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Robo-Advisors kamen nach der Finanzkrise 2008 auf. Die Branche musste sich noch nicht in Krisenzeiten beweisen. Kann man auch Abschwüngen standhalten?

Ich glaube, da wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Viele Robo-Advisors oder klassische Musterportfolio-Lösungen, die man vielleicht bei einer Bank bekommt, bieten statische Portfolios an. Damit wird man den Crash voll zu spüren bekommen. Unser Modell erkennt Einschläge im Markt und gibt uns so die Möglichkeit, rechtzeitig aus riskanten Assetklassen umzuschichten. Der große Crash hat jetzt zwar noch nicht stattgefunden, aber es gab bereits ein paar ganz schöne Beispiele von Rückschlägen, etwa im Februar 2016, wo etwa der DAX um 30 Prozent und der MSCI World um 13 Prozent eingebrochen sind; oder auch direkt nach dem Brexit, wo es Kursausschläge von zehn Prozent gab. Da haben wir uns eigentlich sehr gut geschlagen.

Obwohl an der klassischenVermögensverwaltung vermehrt Kritik aufkommt, liegt das große Geld noch immer bei traditionellen Anbietern. Werden auch große Anleger auf digitale Lösungen umsatteln?

Ich glaube, dass in 20 Jahren das, was heute Robo-Advisory heißt, einfach Investieren heißen wird. Die Technologie ist nicht riskant. Wir können auch sehr konservative Portfolios managen. Wir haben auch institutionelle Mandate, die entsprechend mehr ETFs auf Staats- und Unternehmensanleihen oder Pfandbriefe und weniger Fonds auf Emerging Markets oder asiatische Aktien haben. Man muss bei Robo-Advisory auch nicht auf Ansprechpartner verzichten. Vielleicht haben wir sogar mehr Zeit für unsere Kunden als klassische Berater, weil viele Prozesse automatisiert sind.

Es gab bereits zwei Finanzierungsrunden. Wie viel Geld hat Scalable Capital insgesamt eingenommen?

Wir haben eine Seed-Runde mit vier Millionen € gemacht, vor allem mit Business Angels, beispielsweise Rahul Mehta, dessen Unternehmen DST einer der größten Investoren in Facebook war, oder Philipp Freise von KKR. Vor Kurzem haben wir dann noch eine Series-A-Finanzierung abgeschlossen, die sieben Millionen € brachte. Da waren auch größere institutionelle Investoren dabei, etwa Holtzbrinck Ventures aus München. Mit den elf Millionen € können wir arbeiten und weiter wachsen. Es wird aber nächstes Jahr noch eine weitere Finanzierungsrunde geben, insbesondere, wenn es gut läuft, damit wir auch neue Märkte – die Schweiz und andere EU-Länder – angehen können.

Wie hoch ist der eigene Umsatz? Wann soll das Unternehmen profitabel sein?

Wir wollten von Beginn an kostenpflichtige Vermögensverwaltung anbieten und kein Freemium-Modell. Wenn man unsere Fixkosten, also das Personal, außen vor lässt und nur die variablen Kosten für Handel oder den Betrieb des Systems ansieht, sind wir direkt aus dem Kundengeschäft schon profitabel. Das Modell braucht aber eine gewisse Größe, dass es auch die Fixkosten abdeckt. Ich glaube nicht, dass ein Robo-Advisor mit deutlich unter einer Milliarde € an verwalteten Assets profitabel sein kann.

Und der Umsatz?

Wir sprechen noch nicht über Umsatzzahlen. Aber unsere einzige Einnahmequelle sind die Gebühren, sprich 0,75 Prozent; wir haben keine anderen Gebühren. Wir werden auch bald unsere AUM bekannt geben, dann kann sich jeder den Umsatz selbst ausrechnen. Jedenfalls wollen wir unsere AUM durch eine möglichst gute Performance weiter steigern.

Dieses Interview ist in unserer November-Ausgabe erschienen. Forbes Austria ist in allen Trafiken oder online erhältlich.

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Chief Editorial Team

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