EINHORNZÜCHTER

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Der Israeli Ziv Aviram ist einer der erfolgreichsten Tech-Unternehmer seines Landes. 2017 verkaufte er Mobileye um mehr als 15 Milliarden US-$ an Intel. Auch sein zweites Start-up, OrCam, wird als „Einhorn“ bewertet.

Der Deal besiegelte den ­bisher ­größten Exit in der ­Geschichte der israelischen Tech-Industrie. Für 15,3 Milliarden US-$ verkauften Ziv Aviram und sein ­Gründungspartner ­Amnon Shashua Mobileye 2017 an Intel Capital, den Risikokapi­talarm des Chipherstellers ­Intel. ­Vorherige Topverkäufe wurden um mehr als das 60-Fache übertroffen: Die ­Messaging-Plattform ICQ, die bereits 1998 für „nur“ 287 Millionen US-$ an den US-amerikanischen Medienkonzern AOL verkauft worden war, liegt nun weit abgeschlagen auf Platz zwei.

Mobileye stellt Unfallpräventions- und autonome Fahrtechnologien her – konkret: kamerabasierte Fahrassistenzsysteme, die Echtzeitwarnungen zur Kollisionsvermeidung bereitstellen. Damit arbeitet das Unternehmen in einem enorm wichtigen Bereich. Denn laut der ­Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich weltweit rund 2,7 Millionen Menschen auf den ­Straßen – Tendenz stark steigend.

Über 20 Autohersteller setzen auf Mobileye-Technologie

Mobileyes Kerngeschäft sind auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende sogenannte „Advanced Driver Assistance Systems“. Diese „interpretieren“ Szenen in der Umgebung in Echtzeit und betätigen bei imminenter Kollisionsgefahr automatisch die Bremse des Fahrzeugs – das Lenken wird dabei noch einem menschlichen Fahrer überlassen.

Der Nutzen der Systeme schlägt sich zwar (noch) nicht in Unfall­statistiken nieder, doch Mobileye stattet laut Homepage bereits über 20 global agierende Autohersteller wie Audi, BMW oder Ford mit seiner Unfallpräventionstechnologie aus. Mehr als zehn Millionen Fahrzeuge weltweit sind Unternehmensangaben zufolge bisher mit dem Mobileye-System ausgestattet. Ein gewichtiger Wettbewerbsvorteil des israelischen Unternehmens ist die Fähigkeit, alle Komponenten seiner Assistenzsysteme auf einen einzigen Chip ­packen zu können. Für Autobauer sind sie dadurch nicht nur kostengünstiger, sondern auch einfach zu implementieren.

Als wir Aviram für das Interview in seinem Büro in Jerusalem treffen, ist von Beginn an klar: Der Mann will über das Unternehmen, seine Visionen und Produkte sprechen – er selbst solle dabei nicht im Vordergrund stehen, so der Mobil­eye-Mitgründer. Über seinen Werdegang möchte Aviram nur so viel erzählen: Er schloss 1984 an der Ben-Gurion-Universität in Be’er Scheva ein Bachelorstudium in Industrieingenieur­wesen und Management ab, von da an hätten die Dinge ihren eigenen Lauf genommen.

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Ziv Aviram
... gründete mit Amnon Shashua im Jahr 1999 Mobileye, das Unfallpräventionstechnologie für Fahrzeuge entwickelt. 2010 folgte die Gründung von OrCam, das auf künstlicher Intelligenz basierende Sehhilfen für Blinde und stark Sehbeeinträchtigte herstellt.

Dass das Unternehmen 1999 gegründet wurde, sei auch vom Zufall abhängig gewesen, so Aviram. „Amnon und ich waren bereits gute Freunde damals“, erzählt der 60-jährige Wirtschaftsingenieur, der laut der deutschen Tageszeitung Berliner Morgenpost vier Jahre lang im israelischen Militär diente und es dort bis zum Offizier geschafft haben soll.

Gründung und Aufstieg von Mobileye

„Amnon arbeitete für die Fakultät für Computerwissenschaften an der Hebräischen Universität“, fährt Aviram mit ruhiger Stimme fort. „­Eines Tages fragten ihn Vertreter der Autoindustrie (von Toyota, Anm.) in einer Vorlesung über Computervision, ob man denn mithilfe von zwei Kameras automatisch Fahrzeuge erkennen könne. Ohne zu ahnen, was er da ins Rollen brachte, antwortete er, dass auch eine Kamera reichen müsse.“ Die Toyota-Mitarbeiter dürften überzeugt davon gewesen sein, denn Shashua bekam weniger später Forschungsgelder bezahlt. Der Kern des hier angedeuteten Problems wurde Shashua und Aviram erst nach etwas Internetrecherche bewusst: Trotz technologischen Fortschritts steigt die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle stetig an. Dem wollten die beiden etwas Ernsthaftes entgegensetzen und so begannen sie, an einer technischen Lösung zu tüfteln.

„Von autonomem Fahren war bei der Gründung noch keine Rede“, sagt Aviram: „Wir wollten bloß ein ­effektives Mittel gegen Unfälle erarbeiten und fanden dabei heraus, dass 96 % aller Kollisionen auf menschliches Versagen zurückzuführen sind.“ Ihr Fazit: Der Faktor „Fahrer“ müsse so gut wie nur möglich aus der Gleichung gestrichen werden.

Der weitere Weg war von Erfolg geprägt. 2014 brachten Aviram und Shashua Mobileye an die New Yorker Börse. An der Wall Street dürfte man bereits geahnt haben, in welche strategische Richtung sich das Unternehmen entwickeln würde, denn der Börsengang brachte Mobil­eye gleich ganze 890 Millionen US-$ ein. „Natürlich verloren wir durch den Börsengang Einfluss im Unternehmen“, sagt Aviram, „wir brauchten ihn aber, um effektiv expandieren zu können.“ Dank der neuen Finanzierungsmittel habe sich Mobileye endlich vollkommen der Entwicklung von autonomen Technologien zuwenden können. „Die Grund­einstellung von Geschäftspartnern und Kunden uns gegenüber wurde viel optimistischer“, so der Israeli.

Seit Anfang 2019 kooperiert Mobileye etwa mit dem deutschen Auto­bauer VW und Champion Motors, ­einem israelischen Fahr­service. ­Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung eines Ride-Hailing-Services (Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten, Anm.) mit selbstfahrenden Elek­trofahrzeugen bis 2022. Mobileyes kamerabasierte Fahrassistenten sollen dafür als Grundlage dienen.

Auch mit zweiten Start-up OrCam erfolgreich

Doch selbstfahrende Autos ­befinden sich allesamt noch im Entwicklungsstadium. Der Weg ist also auch für die nunmehrige Intel-Tochter Mobileye noch steinig. Shashua, der bei Mobileye aktuell als CEO ­tätig ist und damit Aviram in seiner ­Rolle ablöste, sieht laut der Nachrichten-Webseite Heise die größte Herausforderung darin, dass vollautomatisierte Systeme unsere Straßen besser wahrnehmen müssen als die aufmerksamsten menschlichen Fahrer. In den USA kommt es beispielsweise etwa alle eine Million Fahrstunden zu einem tödlichen Unfall, doch derzeit machen selbst die ausgeklügeltsten Assistenzsysteme noch alle 10.000 Fahrstunden einen Erkennungsfehler. Um eine „intelligente“ und somit sichere Umfelderkennung gewährleisten zu können, meint Shashua, müsse die Echtzeit-Bildverarbeitungstechnologie zum einen mit hochpräzisen Karten kombiniert werden. Zum anderen brauche es zusätzlich zu den Kameras auch noch Radar und Lichterkennung (Lidar), damit das Wahrnehmungssystem mit ausreichend Redundanzen versorgt werden kann.

Aviram ist jedenfalls stolz darauf, dass Mobileye die israelische Start-up-Szene nachhaltig positiv ­geprägt hat. Denn für Autohersteller sei Israel früher kein Faktor gewesen: „Dank unseres Erfolgs gibt es hier nun fast 1.000 Start-ups, die an der Innovation der Automobil­industrie arbeiten.“

Intel spielt auch beim ­zweiten von Aviram gegründeten ­Start-up, OrCam, eine wesentliche ­Rolle ­(Aviram ist dort bis heute als CEO ­tätig, Anm.). Das ­Jungunternehmen aus Jerusalem entwickelt primär ­auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende tragbare Sehhilfen für blinde und stark sehbeeinträchtigte Menschen. Bei der letzten Finanzierungsrunde im Februar 2018 konnte das Unternehmen 30,4 Millionen US-$ lukrieren – mit Intel als Hauptinvestor. Reuters zufolge wurde das Start-up zu diesem Zeitpunkt erstmals mit einer Milliarde US-$ bewertet. „Ich fühle mich unglaublich privilegiert, einen Beitrag zur Bereitstellung einer bahnbrechenden künstlichen Sehtechnologie zu leisten. Diese hat (bisher, Anm.) das Leben von Zehntausenden OrCam-Nutzern erleichtert – in 25 Sprachen und 48 Ländern“, so Aviram.

Damit steht eines wohl unzweifelhaft fest: ­Erfolgreiche Unternehmen aufbauen – das kann Aviram richtig gut.

Text: Florian Peschl

Der Artikel ist in unserer Juli/August-Ausgabe 2019 „Smart Cities“ erschienen.

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