DIE KLEINSTE BANK DEUTSCHLANDS

Forbes Daily, Thomas Berberich, kleinste Bank

Einen einzigen Mitarbeiter hat die wohl kleinste Bank Deutschlands, die Raiffeisenbank im deutschen Gammesfeld. Seit zehn Jahren leitet Peter Breiter das Institut – und ist dabei Bankdirektor und Putzkraft in einem.

Groß gewachsen, im kurzärmeligen Hemd und mit Sneakern an den Füßen steht Peter Breiter an seiner Theke. Hinter ihm stapeln sich Ordner und Akten, ausgedruckte Kontoauszüge; auf dem Tisch liegt einsam ein Kündigungsschreiben an eine Versicherung, das Breiter von einem Kunden übernommen hat. Breiter ist Bankdirektor. Wer bei dem Wort aber an ein Eckbüro mit schöner Aussicht, ein fettes Gehalt und einen Nadelstreifenanzug denkt, irrt.

Einen einzigen Mitarbeiter – nämlich Breiter selbst – stellt die Raiffeisenbank Gammesfeld in Baden-Württemberg an. Die 1890 gegründete Bank wirkt wie eine Zeitmaschine. „Als innovativ würde ich uns eigentlich nicht bezeichnen. Letztendlich machen wir seit 100 Jahren das Gleiche“, so Breiter. Das bedeutet in diesem Kontext ein Geschäftsmodell, das auf drei Produkten aufbaut: Girokonto, Sparkonto, Darlehen. Alles andere – jeglichen Schnickschnack, den das moderne Finanzsystem sich über die Jahrzehnte ausgedacht hat – lehnt man hier ab.

Der ausgebildete Bankkaufmann Breiter übernahm die Bank am 1. Januar 2008, mitten in der Finanzkrise. Breiter war einer von insgesamt sechs Bewerbern für den Posten des Bankdirektors der wohl kleinsten Bank Deutschlands. Sein Vorgänger Fritz Vogt, der während des Interviews zufällig vorbeischaut, übernimmt trotz seiner 87 Jahre die Vertretung in der Bank auch heute noch mit Vergnügen.

Forbes Daily, Peter Breiter, kleinste Bank

Vogt führte die Bank jahrelang und brachte sie zu nationaler Bekanntheit. Angesichts der (auch heute noch) intensiven Bankenregulierung, die auch Minibanken trifft, barg das gewisse Herausforderungen: So wurde Vogt 1984 die Banklizenz entzogen, da er als Einzelperson das für Banken vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip verletzte. Vogt führte die Bank jedoch weiter. Bis 1990 dauerte der Rechtsstreit, im Laufe dessen sich Vogt seine Berechtigung erstritt.

„Der Fritz hat gemeint: ‚Die Kunden brauchen die Bank!‘ Das muss man sich mal überlegen: Welcher Bankmanager riskiert seine Freiheit, weil er sich Sorgen um seine Kunden macht?“, sagt Breiter. Seither hat sich wenig verändert. Erst seit 2009 hat die Bank einen Computer, auf dem das Geschäft erledigt wird. Dennoch schreibt Breiter jeden Kontoauszug selbst, die Meldungen gehen deshalb manchmal etwas verspätet raus. „Die Kunden regen sich dann immer furchtbar auf, aber irgendwie geht es doch immer.“ Zwischen 800 und 1.000 Kunden hat Peter Breiter, die Anzahl der Genossenschaftsmitglieder beläuft sich auf etwa 330 Personen. Diese Philosophie zu verlassen, um das Wachstum voranzutreiben, ist für Breiter kein Thema: „Wir bekommen Anrufe aus ganz Deutschland von Leuten, die hier Geld anlegen wollen. Sechs- oder gar siebenstellige Summen sind das. Doch wir wollen die Leute persönlich kennen.“ Ganz entziehen kann sich aber auch Breiter der großen Welt nicht. Denn die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank beeinflusst auch das Geschäft der Gammesfelder Bank, die ihre Gewinne mit Zinsen erzielt. Alle anderen Dienstleistungen, auf die im Bankenwesen normalerweise Gebühren und Provisionen anfallen, sind gratis – und kosten das Institut Geld. Dennoch hält man auch hier eisern an der Philosophie fest.

„Wir behandeln alle gleich. Es ist egal, ob jemand einen Euro oder eine Million auf dem Sparbuch hat. So kann keiner draufkommen, dass jemand einen höheren Zinssatz hat. Das Gleiche machen wir bei Krediten, egal ob jemand ein Auto kauft oder ein Haus baut.“ Die Zinsen belaufen sich auf 0,2 Prozent für Sparer, die Kreditzinsen betragen 1,7 Prozent. Bei Überziehung des Girokontos werden fünf Prozent fällig. Breiter: „Bis 2021 bleibt uns – laut Hochrechnungen – noch etwas übrig. Bis dahin machen wir noch Gewinn, dann wird es eng.“

Forbes Daily, Peter Breiter, kleinste Bank 003

Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, wäre Wachstum. Doch neben dem schon erwähnten Verlust der Kundennähe ist Breiter so ein Schritt auch aus einem anderen Grund suspekt: „Alle Probleme – Korruption, Misswirtschaft et cetera – entstehen aus der Größe der Banken. So große Banken, wie wir sie heute weltweit haben, kann man nicht mehr effizient verwalten.“

Weil eine Umstellung auf das gängige System für EC-Karten zu teuer gewesen wäre, musste das Plastikgeld in Gammesfeld wieder abgeschafft werden. Das kostet junge Kunden, denn die wollen nun mal eine Karte, um ihre Zahlungen zu tätigen. „Das ist schon ein Problem. Wirklich verlassen hat uns jetzt niemand, aber die Daueraufträge auf andere Konten haben deutlich zugenommen.

Von dort aus zahlen unsere Kunden dann mit ihrer Karte.“ Eine Fusion kommt – wenig überraschend – aber ebenfalls nicht infrage: „Lieber sterbe ich einen langsamen Tod (wegen einer wegbrechenden Kundenbasis, Anm.), als zu fusionieren.“ Als die Tür aufgeht und der erste Kunde des Tages bei der Tür hereinkommt, ist es 12.45 Uhr. Die Bank hat erst vor 15 Minuten aufgesperrt, denn die Öffnungszeiten sollen kundenfreundlich sein. Bankgeschäfte in Gammesfeld lassen sich zwischen 12.30 und 14 Uhr sowie 19 und 21 Uhr durchführen. „Hast du heute frei?“, fragt Breiter den ersten Kunden des Tages gleich nach dessen Ankunft. „Normalerweise kommst du ja immer erst abends.“

Einen Schritt in Richtung Wachstum denkt Breiter aber dennoch an: „Sollte der Fritz nicht mehr aushelfen können, werde ich eine Teilzeitkraft einstellen. Kontoauszüge schreiben kann jeder und ich könnte mich dann auf die wichtigeren Sachen konzentrieren, etwa Kreditvergaben. Das wird kommen, denke ich.“

Text: Klaus Fiala
Fotos: Thomas Berberich

Der Artikel ist in unserer Forbes Daily erschienen.

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