DAS GUTE GELD

Titelbild: Endeva, Aline Menden, Christina Tewes-Gradl, Berlin, Start-up, Geld

2010 in Berlin gegründet, setzt das Unternehmen Endeva voll auf „inclusive business“. Das Ziel: Menschen in Emerging Markets besseren Zugang zu Produkten und Dienstleistungen zu verschaffen.

Wer mit Aline Menden und Christina Tewes-Gradl spricht, assoziiert ihre Geschäftsidee schnell mit Entwicklungshilfe. Doch was die beiden mit ihrem Unternehmen Endeva machen, geht weit darüber hinaus. „Wir sind ein Sozialunternehmen, auf Impacts ausgerichtet und wollen damit auch Geld verdienen“, erklärt Aline Menden. Und zwar im doppelten Sinn: Einkommensschwache Bevölkerungsgruppen sollen in Geschäftsmodelle integriert werden, von denen sie sonst ausgeschlossen würden. Gleichzeitig entstehen Innovationen, von denen andere Unternehmen profitieren. Das soll allen helfen, die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (United Nations Sustainable Development Goals, Anm.) zu erreichen.

Irgendwo zwischen NGO und Thinktank

Mitten in ihren Doktorats­studien steckend kam Menden und Tewes-Gradl 2007 die Idee zu Endeva. Menden promovierte über einkommensschwache Konsumenten als Innovationstreiber, Tewes-Gradl widmete sich der Frage, wie Geschäftsmodelle Interessen bündeln können, und hat sich dafür Mikroversicherungen der Allianz in Indien angesehen. 2010 wurde gegründet, mittlerweile zählt Endeva zehn Angestellte und ein solides Netzwerk an freien Beratern auf der ganzen Welt. Das Führungsteam besteht aus fünf Frauen, die alle mit Erfahrung im Projektmanagement von Madagaskar bis Ägypten bei inter­nationalen Organisationen und in der Forschung aufwarten.

„Wir sind keine NGO für Entwicklungshilfe, auch kein Thinktank“, stellt Tewes-Gradl klar. „Wir sehen uns in der Mitte.“ Die Idee: die globale Wirtschaftstransforma­tion – im Kontext von Globalisierung, Technologisierung und Digitalisierung – nachhaltig und inklusiv zu gestalten. „Wir sind überzeugt, dass man mit der Erreichung sozialer Ziele auch Geschäfte machen kann und darf. Es ist kein Trade-off“, führt Tewes-Gradl aus. Um diesen Ansatz vorzuleben, haben die beiden bei der Gründung bewusst die Unternehmergesellschaft als Rechtsform gewählt (entspricht einer GmbH, allerdings mit geringerer Stammeinlage, Anm.). Endeva beweist somit, dass sich soziale mit unternehmerischen Zielen vereinbaren lassen. Die Projektsummen liegen zwischen 50.000 und 250.000 €, das Unternehmen trägt sich komplett selbst. Auftraggeber sind öffentliche wie private Stellen. Die Bandbreite ist groß: Auf der Website werden ­Marktanalysen und Strategiekonzepte angeboten, Regierungsberatung für Emerging Markets sowie die Erstellung und Umsetzung sogenannter „Inclusive Business“-Modelle nach syste­mischem Ansatz.

Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Gesundheit. Die Teilnehmer können je nach Projekt ­sowohl Konzerne als auch kleine lokale Betriebe sein. Involviert sind dabei auch immer indirekte Akteure, etwa politische Entscheidungsträger, internationale Geldgeber und NGOs.

Ein Beispiel: Aline Menden hat in Südafrika erhoben, wie chronisch kranke Bewohner von Townships (während der Apartheid eingerichtete Wohnsiedlungen für die schwarze, farbige oder indische Bevölkerung, Anm.) an Gesundheitsleistungen und Medikamente kommen. Was sich nach klassischer Marktanalyse anhört, ist komplexer: „Die öffentlichen Krankenhäuser sind überfüllt, private Einrichtungen für Township-Bewohner zu teuer. Also wenden sich viele an traditionelle Heiler – Medikamente kaufen sie oft in informellen Läden“, erzählt Menden.

Internationale Organisationen als Projektpartner

Ziel war es, den Zugang zu medizinischer Hilfe zu verbessern und dafür passende Geschäftsideen zu entwickeln. Menden stellte ein interdisziplinäres Team zusammen, gemeinsam mit ­einem Pharmahersteller wurde eine Idee für Patienten und Unternehmen entwickelt. Das Resultat sind kleine, ambulante „Franchise-Zentren“ innerhalb mehrerer Townships, in denen Krankenschwestern arbeiten und Medikamente verkauft werden.

Bild: Aline Menden, Christina Tewes-Gradl, Founder, Endeva, Berlin

Aline Menden und Christina Tewes-Gradl
... gründeten Endeva 2010. Das Unternehmen, das Gewinnorientierung mit sozialem Impact verbindet, hat seinen Sitz in Berlin und zählt heute zehn feste Mitarbeiter.

Die Weltbank, die Vereinten Nationen oder die Harvard Kennedy School (an der Tewes-Gradl im Bereich Corporate Social Responsibility forscht) – sie alle sind Partner der Projekte von Endeva. Könnte Endeva in eine internationale Organisation eingegliedert werden? Tewes-Gradl, die einige Jahre bei den Vereinten Nationen gearbeitet hat, lacht: „Da geht es viel um Verwaltung, Bürokratie, politische Prozesse. Ich kann mich nicht so gut an diese Funktionslogik anpassen“, sagt sie. „Lieber helfe ich von außen mit, damit wirkungsvolle Programme entstehen.“ Endeva soll Impuls- und Ideengeber bleiben und Akteure weltweit miteinander vernetzen.

Nach den ersten zehn Jahren als Forschungs- und Beratungs­organisation wollten Menden und Tewes-Gradl noch einen Schritt weiter machen. „Wir haben uns gefragt, was wir die nächsten zehn Jahre machen wollen. Was haben wir gelernt und aufgebaut? Wir glauben an unseren Ansatz. Wie können wir den Impact erhöhen und wirksamer werden?“, erzählt Menden.

Armutsbekämpfung durch unternehmerische Ansätze

Ende 2017 startete Endeva die Initiative „ii2030“ in Berlin. Menden und Tewes-Gradl wollen die größten Herausforderungen für die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern mithilfe neuer Technologien, künstlicher Intelligenz und systemischen Wandels vorantreiben. Das Team erarbeitet dafür konkrete Fragestellungen, sucht und vernetzt relevante Akteure und moderiert den gesamten Prozess. Derzeit läuft ein Pilotprojekt zu der Frage, wie Transportsysteme in Emerging Markets neu gedacht werden können.

„Wir bringen Akteure zusammen, die sonst nicht immer zusammenfinden“, erzählt Menden. Konkret geht es um Probleme bei der Lieferung von Produkten in ländliche Regionen Afrikas. Ein Ergebnis der „ii2030“-Initiative ist die Schaffung der Drones Doing Good Alliance – ein Netzwerk privater und öffentlicher Partner, die versuchen, Drohnen so einzusetzen, dass sie zur Erreichung der Entwicklungsziele beitragen. „Wir verfolgen einen unternehmerischen Ansatz in der Armutsbekämpfung“, sagt Menden, die sich auf Geschäftsmodelle für Märkte mit niedrigem und mittlerem Einkommen spezialisiert hat. „Wir wollen weg von dem Bild der offenen Hand, die um Spenden bittet, und vom Bild armer Menschen als Opfer. Wir sehen sie als Unternehmer, Lieferanten oder Kunden, denen es oft nur an Möglichkeiten fehlt, etwa Finanzprodukten oder der richtigen Infrastruktur.“

Dabei geht es nicht um extreme Armut. „Aber auch Menschen mit zwei bis zehn US-$ Einkommen pro Tag sind arm.“ Und genau dieser Gruppe soll über den „Inclusive Business“-Ansatz der Zugang zu einem besseren Leben ermöglicht werden.

Endeva bewegt sich im Spannungsverhältnis zwischen sozialen Zielen, Nachhaltigkeit und Gewinnorientierung. „Wir sprechen ungern über Armut, sondern lieber über Wohlstandsschaffung: Wir möchten nicht, dass die Menschen weniger arm sind, sondern dass sie in Wohlstand leben und es ihnen gut geht. Und auf der anderen Seite geht es um Zukunftsperspektiven für Unternehmen. Das lässt sich verein­baren“, sagt Tewes-Gradl.

Die beiden Gründerinnen sind überzeugt, dass auch genau in dieser Gruppe Innovationen entstehen können. „Inklusion hat für die Zukunft große Relevanz“, sagt Tewes-Gradl. „Und das bedingt inklusive Geschäfte.“

Der Artikel ist in unserer April-Ausgabe 2019 „Geld“ erschienen.

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