DAS GEHIRN ENTSCHLÜSSELN

Titelbild: Mindmaze, Tej Tadi, Brain Technology Company, Unicorn, Schweiz

Den Beweis, dass er ein solides Unternehmen aufbauen kann, hat Tej Tadi erbracht. Nun will der Gründer des einzigen Schweizer Einhorns Mindmaze aber richtig durchstarten.

Ursprünglich wollte Tej Tadi sein Unternehmen Rebus nennen. Denn für Tadi ist das ­menschliche Gehirn – der Fokus seiner Geschäftstätigkeit – vor allem ein großes Puzzle. Somit schien ihm Rebus, der Name für Bilderrätsel, die aus vielen Einzelzeichnungen bestehen, eine passende Idee zu sein. Dass das einzige Einhorn der Schweiz – Tadis Unternehmen knackte 2016 die Marke von einer Milliarde US-$ Unternehmensbewertung – heute Mindmaze heißt, ist einer von Tadis zahlreichen schlaflosen Nächten geschuldet.

„Ich wollte unserer Vision Rechnung tragen und daher einen etwas ernsthafteren Namen wählen. Mindmaze war einer der ersten, an die ich dachte.“ Die Vision: Tadi will die Funktion des menschlichen Gehirns in die virtuelle Welt holen. Das passiert einerseits, indem dem Hirn vorgegaukelt wird, dass es sich in einem anderen Körper – etwa einem Avatar – befindet, und andererseits durch die Entwicklung eines revolutionären Chips, angeblich „Cogni­chip“ genannt, der die Fähigkeit des Gehirns, verschiedene Informationsströme zu vereinen, nachbilden soll.

Das erste „Unicorn“ aus der Schweiz

Auch deshalb sieht sich Tadi weder als Virtual-Reality-Unternehmer noch als Chef eines Healthcare-Start-ups. Der Fokus ist breiter. Tadi beschreibt Mindmaze als „Brain Technology Company“, die in erster Linie herausragende Technologie entwickeln soll, um diese wiederum anderen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. „Man kann uns in gewisser Weise als Infrastrukturanbieter bezeichnen.“ Dazu forscht das Deeptech-Start-up mit Sitz in Lausanne an der Schnittstelle von Virtual Reality (VR), Neuro­wissenschaften, Sensortechnik und Materialwissenschaften.

Mit seinen Anwendungen im Healthcare-Bereich baute Tadi ein Einhorn auf. Die 100 Millionen US-$, die er in der Series-A-Finanzierungsrunde unter anderem vom indischen Mischkonzern Hinduja Group 2016 erhielt, dienten aber viel breiteren Zwecken. Denn Tadi will mithilfe der eigenen Entwicklungen zahlreiche Branchen erobern, neben Healthcare etwa auch den Transportsektor (Automobilbranche sowie Luft- und Raumfahrt) und die Unterhaltungs- bzw. Gaming­branche. Um das zu erreichen, be­nötigt Tadi nicht nur kluge Köpfe, sondern auch viel Geld. Noch 2019 soll eine große Finanzierungs­runde anstehen; langfristig will der aus Indien stammende Unternehmer Mindmaze an der US-Börse Nasdaq listen. Doch was genau macht Mindmaze so besonders? Und wieso braucht das Lausanner Start-up so verdammt viel Geld für das, was es tun will?

„Embodiment Illusion“ als Forschungsgrundlage von Mindmaze

Um zu erklären, was Mindmaze tut, muss man etwas ausholen. Im weitesten Sinne dreht sich alles, was das Start-up erforscht, um das Konzept der „Embodiment Illusion“. Erste Experimente dazu fanden 1998 statt, als Forscher der University of Pittsburgh den Effekt der „Rubber Hand Illusion“ entdeckten: Dazu wurde die Hand von Versuchspersonen unter den Tisch gelegt. Stattdessen wurde eine Gummihand sichtbar auf den Tisch gelegt. Anschließend wurden sowohl die unsichtbare echte als auch die sichtbare Gummihand gestreichelt. Das zeitgleiche Geschehen dieser Berührung reichte aus, um dem Gehirn vorzugaukeln, dass die Gummihand tatsächlich zu ihrem Körper gehört und nicht davon separat existiert. Als die Forscher mit einem Hammer auf die Gummihand einschlugen, reagierten die Probanden mit heller Panik.

Das kommt daher, dass das menschliche Gehirn den eigenen Arm auf verschiedene Arten wahrnimmt. Die Augen sehen den Arm, die Ohren hören ihn, wenn er etwa gegen den Tisch stößt, der Tastsinn übermittelt Informationen an das Gehirn. All diese Einflüsse werden vom Gehirn kombiniert – und dieses zieht daraus den Schluss, dass der Arm zum eigenen Körper gehört und kein fremdes Objekt ist. Wenn nun diese verschiedenen Sinnes­eindrücke künstlich zeitversetzt passieren, kann das Gehirn denken, dass der eigene Arm ein Fremdkörper ist. Gleichzeitig kann das Gehirn aber auch glauben, dass eine Gummihand oder der virtuelle Arm eines Avatars ein Teil des eigenen Körpers sind. Das Bewusstsein des Gehirns wird in gewisser Weise in ein künstliches Wesen (oder Teile davon) transferiert.

Bild: Tej Tadi, Mindmaze, CEO, Tech

Tej Tadi
... wurde 1981 im indischen Hyderabad geboren. Er studierte Elektrotechnik, bevor er 2004 nach Lausanne zog, um „VR Computer Graphics“ zu studieren. Er absolvierte zudem einen PhD, bevor er 2011 Mindmaze gründete.

Tadi selbst entdeckte dieses Phänomen, nachdem er 2004 aus dem südindischen Hyderabad nach Lausanne gezogen war. Der Sohn zweier Ärzte hatte nie ein gesteigertes Interesse, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Vielmehr wollte er immer „tun“, was auch den unternehmerischen Funken bei ihm entfachte. „Ich habe schon immer getüftelt, Dinge ausprobiert. In der Regel will ich Sachen sofort haben, will nicht warten. Das ist wohl auch der Grund, warum ich es dann meist selbst mache.“

VR-Technologie lässt Phantomschmerzen verschwinden

Er entschied sich für ein Masterstudium im Bereich VR Computer Graphics – eigentlich mit dem Ziel, Special Effects auf dem Bildschirm realistischer erscheinen zu lassen. Als er jedoch in einem Projekt die Fortbewegung von virtuellen Avataren realistischer erscheinen lassen sollte, verbrachte er viel Zeit im nahe gelegenen Krankenhaus, um die Effekte im Gehirn zu untersuchen, wenn wir Bewegungen machen. Er entdeckte, dass Phantomschmerzen von Amputations­patienten durch virtuelle Avatare behoben werden können: Während das Gehirn die Nerven­enden noch fühlt, sehen die Augen keinen Arm mehr – diesen Konflikt kann das Gehirn nicht verarbeiten und meldet mit Schmerzen, dass etwas falsch ist. Tadi nutzte Virtual-Reality-Anwendungen, um Menschen glauben zu lassen, da wäre ein Arm – und voilà, die Schmerzen waren weg. „Die Illusion funktioniert nur, wenn das Gehirn überzeugt ist, dass das künstliche Gegenüber (in diesem Fall ein Avatar, Anm.) zum eigenen Körper gehört.“

Tadis Interesse war geweckt, seine anschließende Doktorarbeit widmete er dem Thema „Neural Mechanisms of the ­Embodied Self: Merging Virtual Reality And Elec­trical Neuroimaging“. Er wollte Virtual-Reality-Anwendungen nutzen, um den Effekt zu multiplizieren. Der erste Anwendungsfall war Mindmotion Pro (sowie die abgeschlankte Version Mindmotion Go): Schlaganfallpatienten konnten schnellere Heilungserfolge erzielen, da ein virtueller Avatar ihre Bewegungen mitmachte. Da das Gehirn nicht nur die Bewegung des Arms spürte, sondern diese auch virtuell sehen konnte (und den Arm als Teil des eigenen Körpers wahrnahm), bildeten sich die notwendigen Synapsen deutlich schneller. „Wenn wir auf dem Bildschirm keinen dem Patienten ähnlichen Avatar hätten, sondern nur einen Maus­cursor, wäre der Effekt auch da. Aber er wäre bei Weitem nicht so stark“, sagt Tadi.

Wir sind ein Technologieunternehmen. Dass wir auch Hardwareprodukte herstellen, ist uns einfach passiert.

Diese Embodiment ­Illusions will Mindmaze nun in andere Branchen bringen. Tadi: „Wir ­wollen entlang mehrerer Verticals Erfolg haben. Unsere Technologie wird schon bald in verschiedenste Lebens­bereiche vordringen.“ Neben Health­care wurde etwa der Transportsektor ins Auge gefasst: Kürzlich schloss Mindmaze eine Kooperation mit McLaren Racing ab, um die Sicherheit von Fahrern zu erhöhen, indem neuronale Signale mit einem Headset an das medizinische Team übermittelt werden. Bei einem Zwischenfall wissen die Ärzte somit sofort, was im Gehirn vor sich geht. Doch auch die Unterhaltungs- und Gamingbranche will Mindmaze erobern – mit seinem VR-Headset Mindleap (intern zumeist ­„Elvira“ genannt) und einer lediglich als „Mask“ bekannten Anwendung, die Gesichtsbewegungen von Menschen punktgenau und in Echtzeit auf virtuelle Avatare übersetzt. Das kann etwa bei Browserspielen wie „Second Life“ eingesetzt werden, um Avatare menschlicher wirken zu lassen.

Wann genau ernsthafte Aktivitäten in weiteren Branchen verkündet werden, lässt sich Tadi offen. „Wir verhandeln gerade intensiv in beiden Verticals. Ende 2019 oder Anfang 2020 werden wir hier größere Ankündigungen machen.“

Rund 20 Personen arbeiten in der Abteilung Mindmaze Labs an der Grundlagenforschung für Mindmazes Produkte. Da diese jedoch zahlreiche externe Forscher koordinieren, sei der „Spread“ deutlich größer. Enge Beziehungen bestehen etwa mit der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL), aber auch mit anderen Universitäten in der Schweiz und Europa. „Wir arbeiten an zahlreichen Forschungsbereichen: Brain-Human-Interface, Chipdesign, Neurowissenschaften, Materialwissenschaften et cetera.“

Virtuelle und physische Welt aneinander annähern

In der Regel stellt Mindmaze seine Technologie in-house her. Wo das nicht geht, wird zugekauft: So kaufte das Unternehmen 2017 das ebenfalls aus der EPFL entstandene Spin-off Gait Up, das den kleinsten Bewegungssensor der Welt hergestellt hat. Ende 2018 wurde zudem das der Johns-Hopkins-Universität nahestehende Unternehmen Neuro Motor Innovation übernommen, das in einem neuen Bereich namens „Neuroanimation“ tätig ist.

In allem, was Mindmaze tut, will Tadi das Gefühl von Präsenz und Bewusstsein in die virtuelle Welt holen – oder von der virtuellen in die physische Welt. Tadi vergleicht den eigenen Ansatz mit jenem des Halbleiter- und Computerchipherstellers Intel bzw. deren Slogan „Intel Inside“: Die Mikroprozessoren des US-Konzerns seien in so ziemlich jedem handelsüblichen Computer verbaut und kommen auf einen Marktanteil von 80 %. So soll auch Mindmazes Technologie in einem Großteil der Anwendungen ihren Platz finden. Ob Mindmaze nun B2B- oder B2C-fokussiert arbeitet, lässt sich Tadi offen. Er vergleicht den Ansatz mit Bosch, die ebenfalls das ganze Spektrum abdecken. „Wir sind ein Technologieunternehmen. Dass wir im Gegensatz zu anderen Deeptech-Unternehmen neben Software- auch Hardwareprodukte anbieten, ist eher passiert als geplant.“

Bild: Mindmaze, Headset, Elvira, Mindleap

Als „Heiliger Gral“ gilt für Mindmaze jedoch eine Entwicklung, deren Finalisierung erst noch offiziell verkündet werden muss: der Cognichip. Der Mikrochip soll die bereits beschriebene Synchronisationsarbeit, die das Gehirn jede Sekunde zwischen verschiedenen Informationsströmen leistet, automatisieren. 30 Millionen US-$ soll die Entwicklung kosten, die Inputs von Kameras, ­Bewegungssensoren oder Gehirnstromanalysen aufnimmt, verarbeitet und auswertet. Das Ziel verkündete Tadi bewusst noch nicht. Man hätte ihn für verrückt erklärt.

Schwarze Zahlen durch lizenzierte Produkte erreichen

Das alles kostet natürlich. Doch um Geld musste sich Tadi bisher wenig Sorgen machen. Nach der anfänglichen Seed-Runde, die rund acht Millionen € einbrachte, jedoch ohne Abgabe von Anteilen passierte (Gründer, Bekannte etc.) sammelte Mindmaze 2016 in seiner Series-A-Runde 100 Millionen US-$ Finanzierung ein. Angeführt wurde die Runde vom indischen Mischkonzern Hinduja Group – und sie brachte Tadi und Mindmaze den Einhorn-Status ein. Doch auch Leonardo DiCaprio zählt zu den Investoren – der Schauspieler zeigt sich vor allem von den Möglichkeiten in der Unterhaltungsbranche angetan.

Sein Geld verdient Mindmaze in einem Software-as-a-Service-Modell. Die eigenen Technologien, sei es Hard- oder Software, werden an Unternehmen lizenziert, Endkundenprodukte sind aktuell nicht im Portfolio. „Cashflow positive“ wollte das Unternehmen zwar Anfang 2019 werden, letztendlich wird Mindmaze die schwarzen Zahlen aber wohl erst im vierten Quartal 2019 erreichen. „Wir erzielen solide Umsätze“, so Tadi. Wie hoch Mindmazes Einnahmen genau sind, will er zwar nicht sagen; auch nicht, ob sie großteils aus der Healthcare-Sparte oder aus anderen Bereichen kommen. Er gibt lediglich an, dass die Einnahmen im zweistelligen Millionen­bereich sind.

Bild: Tej Tadi, Midnmaze, CEO, Unicorn, Schweiz

2019 steht jedoch eine große Finanzierungsrunde ins Haus. Wie hoch diese ausfallen wird, will Tadi nicht sagen. Langfristig möchte er das Unternehmen, das rund 200 Mitarbeiter in Büros in Lausanne und San Francisco zählt, an die US-Technologiebörse Nasdaq bringen. „Um das Unternehmen sein zu können, das wir sein wollen, müssen wir mittel- bis langfristig an die Börse. In den nächsten drei Jahren wird das aber sicher noch nicht passieren.“

Tadi hat mit seinen Healthcare-Anwendungen bewiesen, dass er mit Mindmaze ein solides Unternehmen von relevanter Größe aufbauen kann. Nun holt das ganze Unternehmen aber Luft, denn Mindmaze soll in den nächsten Monaten den Grundstein legen, um ein Unternehmen von globaler Relevanz zu werden – und zwar mit neuen Technologien, neuen Branchen, frischem Geld. „Wir wollen kein Unternehmen sein, das eine Milliarde US-$ wert ist. Wir wollen eines sein, dass eine Milliarde US-$ verdient.“ Dafür opfert Tadi schon mal die verdiente Nachtruhe. „Ich bin eigentlich ständig wach, schlafe höchstens vier Stunden pro Tag.“ Den Rest der Zeit arbeitet er, trifft Investoren, ist auf Reisen oder denkt über neue Möglichkeiten nach, Mind­maze nach vorne zu bringen.

Für Tadi ist das alles jedoch normal: „Ich lebe im Grunde genommen das langweilige Leben ­eines Unternehmers in der Wachstumsphase.“

Der Artikel ist in unserer Mai-Ausgabe 2019 „Europa“ erschienen.

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