BUNTE VIELFALT

Michela Magas, Music Tech Fest, MTF, Schweden

Michela Magas verbindet über ihre Plattform Music Tech Fest (MTF) Talente und Experten aus verschiedensten Ländern, Gesellschaftsschichten und Branchen.

Im kleinen Umeå ist einiges los. Rund 40.000 Studenten pilgern hier jährlich zu den beiden örtlichen Universitäten – also gut ein Drittel so viel, wie die schwedische Kleinstadt an Einwohnern hat (120.000). Zudem beherbergt die Stadt eine florierende Start-up-­Szene, viele Industrieunternehmen und Kulturprojekte: „Vor ein paar Jahren eröffnete hier das weltweit erste Museum für Frauen-Geschichte“, erzählt Michela Magas. Sie und ihr Partner Andrew Dubber machten dieses „fantastische ­Ökosystem“, wie Magas sagt, 2014 zu ihrem ­neuen Zuhause. Die Zunahme an sozialer Ungleichheit in Großbritannien, wo beide vorher gewohnt hatten, habe sie dazu bewegt.

Michela Magas ­gründete im Jahr 2012 die Plattform Music Tech Fest (MTF) sowie fünf Jahre ­später das Innovationsökosystem ­Industry Commons. Zweiteres operiert nun als Stiftung aus Schweden heraus. Als Forbes das Interview mit ­Magas per Skype führt, bekommt man rasch das Gefühl, dass sie sich in ­ihrer neuen Heimat merklich wohlfühlt. Obwohl mitten im Wald gelegen, verfügt ihr Haus über eine ­eigene 1-GB-Breitbandverbindung. „Ich fand mich umgeben von Bergen, Seen und Meer. Da klopft plötzlich ein Typ an die Tür und fragt, wohin ich den Glasfaser-Anschluss haben möchte, den er eben extra für uns bis hier herauf verlegt hat. In Deutschland oder Österreich wäre das undenkbar.“ Hört man Magas’ lebhaften Schilderungen von Umeå zu, entsteht das Bild einer wohlhabenden, nahezu egalitären Gesellschaft, die Innovation aktiv vorantreibt und technologischen Fortschritt im Einklang mit der Natur lebt.

Aufbrechen hierarchischer Strukturen als größtes Anliegen

Als Tochter eines kroatischen Architekten, an dessen Projekten sie bereits im Alter von 10 Jahren mitwirkte, wuchs Magas am Balkan auf. Anfang der 1990er-Jahre zog sie nach London, wo sie Kommunikationsdesign studierte. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie für die Financial Times als Informationsdesignerin und Kunstredakteurin. 2000 gründete sie das britische Innovationslab Stromatolite, das seither etliche Methoden und Arbeitskonzepte für Universitäten wie die Goldsmiths University of London und Unternehmen wie Apple entwickelte. Seit 2014 lebt Magas in Schweden. Ähnlich wie ihr ­bunter Lebenslauf funktioniert auch ihr Job als Innovationskatalysatorin: europa­weit, über alte Grenzen und Strukturen hinweg.

Magas hat gleich mehrere zentrale Anliegen: Geschlechtergleichstellung, interkultureller Austausch und das Aufbrechen hierarchischer Strukturen in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft – denn diese würden sehr viel an Innovation hemmen. „Menschen in Kategorien zu stecken oder ihnen ihre Expertise abzusprechen ist einfach. Jene, die das tun, wollen gesellschaftliche Zusammenhänge nicht begreifen.“

So gesehen treibt die Netzwerkmanagerin neue Ansätze voran. 2012 gründete sie in London die Plattform Music Tech Fest (MTF). Das Ziel: ein Ökosystem zu schaffen, in dem neue Ideen mittels interdisziplinärer Kollaboration ausgearbeitet werden. So sollen Menschen jeglichen Alters und aus anderen ­Bereichen als Industrie und Wissenschaft – überwiegend der Musik – an technologischen Innovationen mitwirken. MTF veranstaltet neben ­Hackathons Musikworkshops und mehrtägige High-Level-Workshops mit erfahrenen Wissenschaftlern und Topmanagern. Laut Magas hat die Community inzwischen über 7.000 Mitglieder. Finanziert wird MTF primär durch Investments privater sowie staatlicher Unternehmen und Organisationen.

Michela Magas, Music Tech Fest, MTF, Schweden, Gründerin, Start-up

Michela Magas
... gründete 2012 die Plattform Music Tech Fest (MTF) sowie im Jahr 2017 das Innovationsökosystem Industry Commons.

„In den unzähligen Labs habe ich gelernt, dass oftmals nicht die super­intellektuellen und komplexen Technologien Menschenleben verändern, sondern die ganz simplen Erfindungen – nämlich dann, wenn sie adaptiert in einem anderen Kontext eingesetzt werden“, so Magas. Ihre Herangehensweise stellt nicht nur traditionelle Arbeitsstrukturen, sondern auch Konzepte der Start-up-Szene infrage: Vor zwei Jahren organisierte MTF ein Lab in Vorbereitung auf das Slush in Helsinki, Europas größte Tech-Konferenz. Statt eines dreiminütigen Pitchs konzipierte eine „Band“ aus IT-Entwicklern, Künstlern und Wissenschaftlern eine halbstündige Performance. „Wir gingen davon aus, dass das Publikum die Innovationen, die wir im bunten Kollektiv entwickelt hatten, hautnah spüren muss, weil sie mehr als nur neue Produkte repräsentieren.“

Im Zentrum stand die ­blinde finnische Sängerin Riikka ­Hänninen. Sie erklärte, dass es sie beeinträchtigen würde, die Stimmung des Publikums während des Singens noch nie wahrgenommen zu haben. Die Lösung des Kollektivs war ­simpel: das Publikum an ­Pulsmessgeräte anschließen. Die Sängerin ­wiederum bekam deren Vibrationen über eine spezielle Technologie vermittelt.

Brillante Köpfe mit den richtigen Tools ausrüsten

Doch der große „Aha-Moment“ kam mit folgendem Experiment: ­Hänninen trainierte gemeinsam mit Entwicklern anhand eines Neurofeedback-Systems (Gehirnstrom­kurven werden von einem Computer in Echtzeit analysiert, nach ihren Frequenzanteilen zerlegt und auf einem Computerbildschirm dargestellt, Anm.) um dies zum Musizieren zu nutzen. Innerhalb weniger Tage konnte sie alleine Kraft ihres gedanklichen Fokus' Melodien produzieren. „Brain-Reading wird in unserer Gesellschaft primär zur Analyse der Gehirnaktivität kranker Menschen eingesetzt. Wir nutzen die Technologie hingegen so, dass sie dadurch einzigartige Fähigkeiten erlangte. Selbes Werkzeug, anderer Zweck“, sagt Magas.

Es sind oftmals die ganz simplen Erfindungen, die Menschenleben verändern.

Im Kern geht es also darum, brillante Köpfe mit den richtigen Tools auszurüsten. Aus diesem Ansatz heraus entstand 2017 auch die Plattform Industry Commons: Diese soll Innovation durch das Kombinieren von Wissen aus verschiedensten Bereichen ermöglichen – von Kryptografie über Landwirtschaft bis zu Neurowissenschaft. Für ihre Arbeit wurde Magas im selben Jahr von der Europäischen Kommission der „EU Prize for Women Innovators“ verliehen. Die Auszeichnung wird jährlich an Frauen vergeben, die mit neuen Produkten oder Dienstleistungen das „Innovationsökosystem zum Wohl der EU-Bürger beeinflussen“.

Magas kommt zum Schluss wieder auf Schweden zu sprechen. Business Sweden, der schwedische Handels- und Investmentrat, bewegte sie dazu, MTF aus London nach Stockholm zu holen. Dort gefalle ihr besonders, dass die Gesellschaft nach alternativen Lösungen strebe. „Die Stadt Stockholm unterstützt uns sehr. Niemand findet es hier seltsam, dass wir an offiziellen Meetings teilnehmen und politische Empfehlungen abgeben.“ Doch angesichts der vielfältigen Erfahrungen der Netzwerkmanagerin ist das wohl auch kein Wunder.

Text: Florian Peschl

Der Artikel ist in unserer Mai-Ausgabe 2019 „Europa“ erschienen.

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