AUTARKE EIER BAUEN

Ecocapsule, Soňa Pohlová, Slowakei, Smart Home

Im Dschungel, in den Bergen, am Strand oder gar auf dem Mars: Mit ihren umweltfreundlichen „Ecocapsules“ wollen die Gründer Soňa Pohlová und Tomáš Žáček smartes Wohnen in nahezu jeder Umgebung ermöglichen.

Eier in der Größe eines fast ausgewachsenen Asiatischen Elefanten und mit dem Gewicht einer ­Giraffe lassen sich im Dschungel wohl eher selten finden – oder in der Antarktis, am Meer und auf dem Mars. Mit Ecocapsule könnte das anders werden: Das slowakische Unternehmen wurde im Jahr 2015 von Soňa Pohlová und Tomáš Žáček gegründet und stellt sogenannte ­Micro-Homes her, welche aufgrund ihres Aus­sehens an große Eier er­innern.

Ei-Form hat ihren Zweck

„Die Form wurde nicht nur aufgrund ihrer Einzigartigkeit und des schönen Designs gewählt, sie erfüllt auch einen ­bestimmten Zweck: Damit wird am besten En­ergie erhalten“, erzählt Pohlová. Den Gründern geht es damit weniger um das äußere Design des kleinen Heims, sondern vielmehr um dessen Funktion: Die Kapseln ermöglichen es, an abgelegenen Orten außerhalb der Reichweite von jeglicher Infrastruktur völlig au­tark zu leben – nahezu egal, in welcher Umgebung. Dafür gewinnt die Kapsel ihre Energie aus Solarzellen (bis zu 880 Watt) und einer kleinen Windturbine auf dem Dach (bis zu750 Watt), welche für den Transport eingefahren werden kann. Auch die Wasserversorgung wird über die Oberfläche der Kapsel gewährleistet: Dort wird Regenwasser gesammelt und anschließend im Wassertank gefiltert. Flüssigkeit kann aber auch über nahe gelege Flüsse oder Seen gewonnen werden. Laut dem Unternehmen ist das System dazu fähig, 99,98 % des Schmutzes in Wasser herauszufiltern. Um auf ­unebenem Untergrund stehen zu können, besitzen die Kapseln ­jeweils vier verstellbare Füße.

Der Körper einer Ecocapsule selbst besteht aus isolierten Glasfaserschalen, welche auf einem Stahlgerüst aufliegen. Für die ­Inneneinrichtung werden leichte ­Wabenplatten mit Holzfurnier genutzt, und auch an Komfort fehlt es der Kapsel nicht: So runden ein Schreibtisch, Schränke, Regale, ein Klappbett sowie Küchen- und Gepäckschränke die Kapsel ab. Auch eine Küche sowie Dusche und Toi­lette befinden sich in dem kleinen Heim, welches von der Farbe Weiß dominiert wird. Abgerundet wird die Idee mit einer smarten Vernetzung, welche über eine App steuerbar ist. Damit kann festgestellt werden, wie viel Energie in den Batterien der Kaspsel vorhanden ist oder wie viel Energie über die Sonne aufgenommen wurde. Eine Kapsel kommt mit der vollen Ausstattung auf ein Gewicht von 1,35 Tonnen, mit vollem Wassertank auf 1,57 Tonnen; sie ist 4,67 ­Meter lang, 2,2 Meter breit und 2,5 Meter hoch.

Ecocapsule, Heim, Konzept, Natur, Start-up
Die Ecocapsule kann in allen – auch von der Infrastruktur unabhängigen – Umgebungen positioniert werden und funktioniert völlig autark.

Der Weg zur Entwicklung der ersten Ecocapsule war jedoch kein leichter. Angefangen hat alles mit einem Designwettbewerb in den USA im Jahr 2009 – gewonnen haben Pohlová und Žáček mit ihrer Idee jedoch nicht. Dafür wurde die Designwebsite habitat.com auf das Team aufmerksam und berichtete über sie und ihre Idee. „Auf einmal bekamen wir Anfragen via E-Mail. Die Leute wollten wissen, wo man die Kapsel kaufen kann. Aber zu der Zeit hatten wir noch keinen Prototyp, es existierte nur die Idee. Also begannen wir damit, das Produkt zu entwickeln. Viele Jahre war es jedoch nur ein Seitenprojekt in unserem Architekturbüro“, sagt Pohlová.

Vom Nebenprojekt zum zweiten Standbein

Denn ebenso wie ihr Mit­gründer Žáček hat sie Architektur studiert und führt mit ihm mittlerweile das Architektur­büro Nice & Wise in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Gemeinsam nehmen sie an ­diversen Architekturwettbewerben teil und setzen verschiedene Projekte um: so etwa die Adelaide Rocks als neues ur­banes Stadtquartier in Adelaide, Australien, oder TAB, das sich auf Lösungen für ein Wohnviertel aus den 70er-Jahren in Tallinn, Estland, fokussiert.

Mit Ecocapsule besitzen sie nun ein zweites Standbein; den ersten Prototyp finanzierte das Gründungsteam selbst. „Wir haben uns mit Investoren getroffen, die von unserer Idee begeistert waren, jedoch nicht investieren wollten, weil es zu dem Zeitpunkt noch keine reale Kapsel gab. Dann wurden wir vom Pioneers Festival (Wiener Start-up-Event, Anm.) eingeladen, um dort eine Ecocapsule auszustellen. Also haben wir unser eigenes Geld investiert – etwas riskant, aber es hat funktioniert“, sagt Pohlová.

Massenproduktion in naher Zukunft geplant

Der erste Prototyp ­kostete knapp 100.000 €, aber ohne das voll funktionsfähige System. Weitere ­Investments folgten über die Crowd­funding-Plattform Crowd­berry. „Es dauerte etwa ein Jahr, bis wir die Investoren fanden – in dieser Zeit haben wir mehr als einmal ans Aufhören gedacht“, so Pohlová. Mittlerweile sind die Kapseln ab 79.900 € (plus 2.000 € Kaution während der Produktion) zu kaufen, der Anhänger zum Transport kostet noch einmal 5000 €; die Versandkosten betragen je nach Land ab 1.700 €. Bestellungen für die ersten 50 Stück werden zunächst für die europäischen Länder sowie Japan, die USA und Australien angenommen. Diese werden dann bis spätestens Ende 2019 ausgeliefert, so Pohlová.

Soňa Pohlová und Tomáš Žáček
... gründeten Ecocapsule im Jahr 2015, um smartes und umweltfreundliches Wohnen zu ermöglichen. Die Idee dazu entstand im Rahmen eines Architekturwettbewerbs in den USA, an dem die beiden mit ihrem Architekturbüro Nice & Wise teilnahmen.

In naher Zukunft plant Ecocapsule darüber hinaus, in die ­Massenproduktion zu gehen – und erhofft sich laut Pohlová dadurch deutliche Kostenersparnis.

Bisher sind die Kapseln für zwei Personen ausgelegt. Einen Plan, damit mehr Personen beherbergen zu können, haben Pohlová und ihr Team bereits: „Wir wollen keine größeren Kapseln bauen, sondern mehrere der bestehenden verbinden, denn so müssen wir das System nicht umkonstruieren und die Kapseln bleiben sehr mobil.“

Die Lösung für überfüllte Städte und infrastrukturarme Gebiete?

Doch nicht nur das: Künftig soll in einem E-Shop Zubehör für die Kapseln angeboten werden und weitere Interessenten wie etwa Weltraumorganisationen sollen als Kooperationspartner gewonnen werden: „Ich denke, dass unsere Kapsel im All durchaus Potenzial hätte. Vielleicht nicht als Ganzes, aber Teile unseres Systems. Außerdem wollen wir bei den Nutzern das Bewusstsein schaffen, was sie wirklich brauchen, indem die Kapsel den Energieverbrauch anzeigt. Ein weiterer Vorteil: Sie berührt kaum die Natur, es werden also fast keine Spuren hinterlassen“, so Pohlová.

Bezogen auf die Ecocapsule selbst behält sie wohl recht – ganz unberührt bleibt die Umwelt von den Kapseln allerdings nicht, müssen diese doch schließlich via Auto oder gar Helikopter zum gewünschten Ort transportiert werden. Davon abgesehen bieten die kleinen Wohneinheiten jedoch ein enormes Potenzial in Bezug auf ­autarkes Wohnen. Und das nicht nur in infrastrukturarmen Gegenden, sondern auch in überfüllten Großstädten. Denn auf dem Dach eines Hochhauses ergibt sich so bestimmt eine tolle Aussicht – vom Sonnenlicht ganz zu schweigen.

Der Artikel ist in unserer Juli/August-Ausgabe 2019 „Smart Cities“ erschienen.

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